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Forschungsabteilung 1

Mobilität im suburbanen Raum. Neue verkehrliche und raumordnerische Implikationen des räumlichen Strukturwandels

Forschungsvorhaben 70.716 des „Forschungsprogramms Stadtverkehr“ (FoPS) im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen

Projektbearbeitung im Verbund mit dem Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in Dresden und dem Institut für Geographie der Universität Leipzig.

Laufzeit
10/2003 – 04/2005

Vor dem Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen und Prozesse der Siedlungs- und Verkehrsentwicklung im suburbanen Raum werden die derzeit gültigen raumstrukturellen Leitbilder hinsichtlich ihrer Aktualität und Wirksamkeit einer kritischen Analyse unterzogen. Auf der Basis quantitativer und qualitativer Erhebungen zur Entwicklung von Siedlungs- und Verflechtungsstrukturen sowie Erfahrungen aus der Planungspraxis zu deren Gestaltung und Steuerung werden Handlungsempfehlungen zu Fortschreibung und Aktualisierung diesbezüglicher Leitbilder gegeben.

Problemstellung

Der siedlungspolitische Leitbilddiskurs der 90er Jahre wurde maßgeblich durch die Leitbilder „kompakte Stadt“ und „dezentrale Konzentration“ geprägt. Für die Gestaltung von Verkehr und Mobilität im suburbanen Raum stellen sie den zentralen Baustein einer integrierten Verkehrsentwicklungsplanung dar, da diese am Wirkungszusammenhang zwischen Siedlungsstruktur und Verkehr ansetzt. Beide Leitbilder können als Antwort auf die Herausforderung des anhaltenden Siedlungsdrucks in Verbund mit einer dispersen Siedlungsentwicklung im Umland der Kernstädte zu Beginn der 90er Jahre verstanden werden. Auf kommunaler bzw. regionaler Ebene sollen mit ihrer Hilfe Bevölkerungs- und Beschäftigungszuwüchse im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung in flächenschonenden und verkehrssparsamen Siedlungsstrukturen umgesetzt werden.

Die Aktualität und Gültigkeit aktueller siedlungspolitischer Leitbildorientierungen wird sowohl in Wissenschaft als auch Planungspraxis vor folgendem Hintergrund zunehmend in Frage gestellt: Zum einen untergraben die Veränderungen demografischer und ökonomischer Rahmenbedingungen der räumlichen Entwicklung – insbesondere die Schrumpfung – die Legitimität bisheriger siedlungsstruktureller Leitbilder. Zum anderen schaffen funktionale Anreicherungs- und Ausdifferenzierungsprozesse suburbaner Siedlungsstrukturen völlig neue Realitäten hinsichtlich Beschäftigungsniveau, Infrastrukturausstattung und Verflechtungsstrukturen. Ihnen werden die genannten Leitbilder nur bedingt gerecht, so dass ihnen vielfach Realitätsferne attestiert und dementsprechend ein erheblicher Vertrauens- und Akzeptanzverlust in der Planungspraxis konstatiert wird.

Im Forschungsvorhaben „Mobilität im suburbanen Raum“ wurden die national wie auch international diskutierten Leitbilder zur Gestaltung der Raum- und Siedlungsstruktur in ihren mobilitätsbezogenen Aussagen vor dem Hintergrund dieser jüngsten Entwicklungen kritisch überprüft und Empfehlungen zu ihrer möglichen Weiterentwicklung ausgesprochen.

Empirie

Vor diesem Hintergrund basiert das Forschungsvorhaben auf einem integrierten quantitativ-qualitativen Forschungsansatz. Dieser besteht zum einen aus quantitativ-empirischen Erhebungen, vor allem der Auswertung von „harten“ Siedlungsstruktur- und Mobilitätsdaten. Zum anderen kommen qualitative Verfahren zum Einsatz, mit denen der Konstruktion von Leitbildern sowie der Genese und dem Vollzug von Planungsprozessen nachgegangen wird.

Ausgangspunkt der empirischen Untersuchungen ist eine in Teil A vorgenommene umfassende Literaturanalyse zum Forschungsstand der integrierten Verkehrs- und Siedlungsentwicklungsplanung. Die zentralen verkehrsbezogenen Annahmen und Prämissen siedlungsstruktureller Leitbilder werden dabei aufbereitet und in Form von leitbildspezifischen Hypothesenrastern dargestellt. Hierzu wurden über 300 deutsch- und englischsprachige Quellen (Forschungsberichte und Zeitschriftenartikel) ausgewertet.

Mittels einer quantitativen Analyse wird in Teil B die aktuelle siedlungsstrukturelle Entwicklung in deutschen Agglomerationsräumen (definiert durch 50-km-Radien um die großen Kernstädte) beschrieben. Untersucht werden insbesondere die aktuellen Trends im Suburbanisierungs- und Dispersionsprozess von Bevölkerung und Beschäftigung, die für die Entwicklung von Mobilität und Verkehr relevant sind und die Umsetzung raumordnerischer Leitbilder wesentlich mitbestimmen. In einem weiteren Schritt wird über die Verschneidung aggregierter Daten der Gemeindestatistik mit disaggregierten Mobilitätsdaten aus der Erhebung „Mobilität in Deutschland“ (MID) dem Zusammenhang zwischen Siedlungsstruktur- und Verkehrsentwicklung nachgegangen. Kern der Analyse ist die Entwicklung von Mobilitätsindikatoren für die MID-Gemeinden und die Entwicklung einer Gemeindetypisierung anhand spezifischer Siedlungsstruktur- und Mobilitätsprofile. Mit dieser quantitativen Analyse werden die Vielfalt und Heterogenität suburbaner Siedlungsstrukturen berücksichtigt sowie Mobilitätsdaten einbezogen, die über den Berufsverkehr hinaus weitere Verkehrszwecke im Bereich von Versorgung und Freizeit einbeziehen.

Ergänzend zu den quantitativen Analysen wird in Teil C in fünf gezielt ausgewählten regionalen Fallstudien (Stadtregionen Berlin, Erfurt, Essen, Frankfurt a.M., Hannover) exemplarisch der planerische Umgang mit Verkehr und Mobilität im suburbanen Raum untersucht. Das gilt insbesondere für die Erfahrungen und Einschätzungen zur Implementierung raumstruktureller Leitbilder. Die Fallstudien basieren auf einer Analyse von Planungsdokumenten und leitfadengestützten Experteninterviews mit Vertretern der Raum- und Verkehrsplanung auf regionaler und kommunaler Ebene sowie Vertretern der regionalen Verkehrsorganisation. Die Ergebnisse erlauben ein umfassendes Verständnis der tatsächlichen räumlichen Entwicklungspfade sowie spezifischer Grenzen und Möglichkeiten, Verkehr und Mobilität über raumstrukturelle Leitbilder und verkehrsorientierte Planungskonzepte zu gestalten.

Ergebnisse

Siedlungsstrukturkonzepte mit Bezug zu Dichte und Zentralität können insofern unverändert Legitimität beanspruchen, als sich der Zusammenhang zwischen Siedlungsstruktur und Art und Umfang verkehrlicher Mobilität als statistisch signifikant erweist – wenn auch in starker Abhängigkeit vom Verkehrszweck. Leitbilder wie die „kompakte Stadt“ oder die „dezentrale Konzentration“ können folglich insofern bestätigt werden, als sie auf empirisch gesicherten Kausalaussagen zwischen siedlungsstrukturellen Parametern und Merkmalen der Personenmobilität beruhen. Erheblichen Veränderungen unterliegt jedoch der räumliche Kontext – sowohl die siedlungsstrukturelle Realität im suburbanen Raum als auch die gegenwärtigen Prozesse der räumlichen Entwicklung haben sich gegenüber der Situation Anfang der 90er Jahre grundlegend verändert. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer Fortschreibung der raumordnerischen Leit- und Ordnungsvorstellungen. Drei Gründe geben hierfür Anlass:

Erstens haben sich die wesentlichen demografischen und ökonomischen Rahmenbedingungen in der räumlichen Entwicklung grundlegend verändert. Die sowohl inter- als auch intraregional disparitäre Raumentwicklung wird die Raumordnungs- und Städtebaupolitik in Zukunft zu regionalisierten Leitbild- und Strategieentwürfen auffordern. Mit Blick auf die empirischen Ergebnisse dieses Forschungsvorhabens erscheint die Dualität einer gesteuerten De- und Re-Zentralisierung als Richtschnur für eine leitbildbezogene Neuorientierung der Raumordnung in Deutschland angemessen zu sein.

Zweitens haben sich in suburbanen Räumen im Zuge der Dekonzentration von Bevölkerung und Arbeitsplätzen standörtliche Ausdifferenzierungsprozesse ergeben, welche in der Siedlungspolitik der Agglomerationen hohe Bedeutung haben. Ein erfolgreiches regionales Wachstums- bzw. Schrumpfungsmanagement verlangt der Raumordnung in Zukunft eine differenziertere Betrachtung der standörtlichen Entwicklungschancen in suburbanen Räumen ab. Dies bedarf einer Absicherung durch vorhandene verkehrliche Standortqualitäten. Auf Grundlage des vorliegenden empirischen Materials kann allerdings nicht davon ausgegangen werden, dass über nachträgliche Verkehrskonzepte siedlungsstrukturelle Fehlentwicklungen korrigierbar sind.

Drittens sollte die Siedlungspolitik zukünftig in stärkerem Maße allgemein gehaltene Leitbilder regional operationalisieren. Dazu sind vor allem die administrativ-institutionellen Voraussetzungen zu verbessern. Eine starke handlungsfähige Region muss allerdings nicht nur in der Region selbst von den Akteuren gewollt und betrieben werden. Sie bedarf auch der politischen Unterstützung von „oben“.

Eine ausführliche Zusammenfassung der Ergebnisse und Handlungsempfehlungen werden in Teil D des Projektberichtes gegeben.
Der Abschlussbericht für diese Studie wird auf dieser Seite interessierten Lesern kostenlos zur Verfügung gestellt. Die einzelnen Berichtsteile sind wie folgt auf fünf Dateien aufgeteilt:

Kontakt im IRS
Dr. Axel Stein
Tel.: +49-3362/793-178
e-mail: SteinA_at_irs-net.de

weitere Veröffentlichung
STEIN, Axel; WOLF, Ulrike (2006): Der Umgang mit Verkehr im suburbanen Raum. Raumstrukturelle Leitbilder und Gestaltungsräume. In: Raumforschung und Raumordnung, Jg. 64, 2006, Heft 3, S. 172-183


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