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Lebensqualität in Klein- und Mittelstädten

Hintergrund: Was ist Lebensqualität?

Obwohl Lebensqualität als Ziel politischen Handelns auf unterschiedlichen Ebenen seit Jahrzehnten formuliert und als wichtiger Standortfaktor von Städten und Regionen genannt wird, ist der Bedeutungsgehalt des Begriffs unbestimmt und die Art und Weise seiner Messung vielfältig. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die Entwicklung des Begriffs und den Stand der Forschungen zur Lebensqualität gegeben. An eine Auffächerung der Aspekte von Lebensqualität und die Frage, was in diesem Zusammenhang städtische Lebensqualität ist, schließen sich Überlegungen zu ihrer Messbarkeit an.

Wohlfahrt und Wohlstand als begriffliche Vorläufer von Lebensqualität
Als verwandter Begriff geht Wohlfahrt dem moderneren der Lebensqualität voraus. Als Ziel politischen und wirtschaftlichen Handelns taucht er mit der Industrialisierung auf und wird unter anderem in der Französischen Revolution zum Postulat. Er bezeichnet aber nicht nur die Mehrung materieller Güter, sondern schließt bereits subjektives Wohlbefinden ein. Unter dem Eindruck der enorm gesteigerten Reichtumsproduktion und der breiten Verteilung von Konsumgütern, die mit dem System industrieller Massenproduktion und -konsumtion möglich wird, verlagert sich der Blickwinkel auch in Deutschland zunehmend auf die Steigerung des materiellen Wohlstandes.

Die Erhöhung des Lebensstandards, definiert als das jeweils erreichte Niveau der Bedürfnisbefriedigung, wurde als Inbegriff gesellschaftlichen Fortschritts gesehen und bis in die sechziger Jahre blieb es das weitgehend unumstrittene Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung (Noll 1999: 5). In den siebziger Jahren wurde vor dem Hintergrund zunehmender Krisenanfälligkeit des Wirtschaftssystems nicht mehr nur vereinzelt, sondern verbreitet Kritik laut an rein quantitativen Wachstumsvorstellungen im Sinne einer Erhöhung des Bruttosozialprodukts und des materiellen Lebensstandards (Koch 1992: 5). Durch die Diskussion der „öffentlichen Armut bei privatem Reichtum“ (Galbraith) und die Warnung vor den „Grenzen des Wachstums“ (Meadows) gelangten auch soziale und ökologische Kosten zunehmend in den Blick.

Objektive und subjektive Aspekte von Lebensqualität
Der Begriff Lebensqualität wird weniger als die Beschreibung eines Zustandes, sondern als modernes und multidimensionales Wohlfahrtskonzept begriffen, das „sowohl materielle wie auch immaterielle, objektive und subjektive, individuelle und kollektive Wohlfahrtskomponenten gleichzeitig umfasst und das ‚Besser’ gegenüber dem ‚Mehr’ betont“ (Noll 1999: 3).

Diese Sicht auf die subjektive Seite der Lebensqualität wurde inspiriert von der amerikanischen „Quality of Life“-Forschung, welche dort seit Ende der sechziger Jahre zwei Diskussionsrichtungen hervorbrachte, die sich später auch in Deutschland wieder fanden. Eine Lesart thematisiert den engen Zusammenhang von objektiven und subjektiven Aspekten der Lebensqualität, während in der anderen Lebensqualität ausschließlich als individuellesEmpfinden angesehen wird.

Die subjektive Wahrnehmung der eigenen Lebensbedingungen wird durch Werteorientierungen, d.h. Auffassungen vom Guten und Wünschenswerten, bestimmt. Aus diesen subjektiven Werten ergeben sich Ansprüche und Erwartungen (Habich, Noll 2002: 453). Das Anspruchs- und Erwartungsniveau ergibt sich wiederum durch den sozialen und zeitlichen Vergleich.

Habich und Noll beschreiben die umfassende Bewertung der Lebensverhältnisse wie folgt: „Im Rahmen dieser kognitiven Gesamtbilanz werden die eigenen Lebensumstände mit dem verglichen, was man sich wünscht, was man früher einmal hatte, was man in Zukunft für sich erhofft oder was relevante Bezugspersonen haben. Neben diesen vielschichtigen Vergleichen spielt auch die Wichtigkeit, die verschiedenen Lebensbereichen beigemessen wird, eine Rolle.“ (Habich; Noll 2002: 431).

Messbarkeit von Lebensqualität
Zur Messung der Lebensqualität gibt es zwei große Theorietraditionen: Die Objektivisten gehen von der Grundannahme aus, dass es identifizierbare Grundbedürfnisse gibt, deren Befriedigung das Wohlbefinden bestimmt. Die beobachtbaren Lebensverhältnisse können von Außenstehenden nach wissenschaftlichen bzw. moralischen Standards bewertet werden. In Wohlfahrtsstaaten wie z.B. Schweden hat sich dieser Ansatz stärker durchgesetzt. Lebensqualität wurde als optimale Ausstattung mit materiellen Ressourcen verstanden.

Neben den Objektivisten, die sich auf die Lebensbedingungen als den einzigen politisch gestaltbaren und langfristig zu verbessernden Faktor konzentrieren, etablierten sich die Subjektivisten, die die Wahrnehmung der Lebensverhältnisse in den Mittelpunkt rücken. In marktliberalen Staaten wie den Vereinigten Staaten hat sich die Auffassung entwickelt, dass der Erfolg des individuellen Glücksstrebens nur durch Aussagen der Betroffenen selbst beurteilt werden kann. Die amerikanische „Quality of Life“-Forschung ist der Auffassung, dass Lebensqualität im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung zunehmend durch immaterielle Werte bestimmt wird. Da Glück, Zufriedenheit und Ängste aber nur durch die Bürger selbst beurteilt werden können, muss auch die Messung der Lebensqualität durch deren Befragung erfolgen.

Der eher sozialpolitisch ausgerichtete skandinavische und der eher sozialpsychologisch geprägte amerikanische Ansatz bilden zwei Pole innerhalb einer heterogenen Theorietradition, die ein breites Spektrum an Konzepten zur Lebensqualität hervor gebracht hat. Mittlerweile findet in der deutschen Wohlfahrtsforschung die Kombination objektiver und subjektiver Indikatoren zur Messung der Lebensqualität breite Akzeptanz. Dementsprechend werden heutzutage auch die Komponenten von objektiven Lebensbedingungen und subjektivem Wohlbefinden weitgehend kombiniert, obgleich es noch immer keine eindeutige Definition für den Begriff Lebensqualität gibt (Christoph 2002: 442).

Dafür muss auf objektive Indikatoren und subjektive Einschätzungen von Befragten zurückgegriffen werden, denn Lebensqualität ist nicht direkt messbar. Durch Indikatoren wird jedoch die Komplexität der Lebensqualität auf wenige Ausschnitte und Meinungen reduziert.

Städtische Lebensqualität
Was unter städtischer Lebensqualität zu verstehen ist, entzieht sich einer verbindlichen Definition noch mehr als der Begriff der Lebensqualität allgemein. So ließe sich zwar bei einer entsprechend kleinräumigen Auswertung aus einer (ausreichend breit angelegten) Forschung auf nationaler Ebene die Lebensqualität in einer bestimmten (und ausreichend großen) Stadt herausdestillieren. Aber der Fokus liegt bei der Untersuchung städtischer Lebensqualität eher auf den spezifischen Bedingungen, die das Leben in einer bestimmten Stadt ausmachen. Einige Faktoren wie Arbeit, Wohnen, Versorgung werden dadurch stärker betont, andere wie persönliche und gesundheitliche Verhältnisse sind weniger relevant. Wir definieren den Untersuchungsgegenstand wie folgt:

Städtische Lebensqualität ist einerseits durch die objektiven Lebensbedingungen in der Stadt, andererseits durch das subjektive Wohlbefinden der Bewohner im Hinblick auf die städtischen Lebensbereiche Arbeiten, Bildung, Wohnen, Erscheinungsbild, Sicherheit, Freizeit und Erholung, Versorgung, Mobilität und Partizipation gekennzeichnet.

 

Literatur

Christoph, Bernhard (2002): Weiter deutliche Zufriedenheitsdifferenzen zwischen Ost und West trotz Annäherung in manchen Bereichen. Zur Entwicklung des subjektiven Wohlbefindens in der Bundesrepublik 1990-2000. In: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 28, ISI 28, Mannheim Juli 2002, S. 11-14

Habich, Roland; Noll, Heinz-Herbert (2002): Teil II: Objektive Lebensbedingungen und subjektives Wohlbefinden im vereinten Deutschland. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Datenreport 2002. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bonn

Koch, Traugott (1992): Lebensqualität und Ethik – am Beispiel der Medizin. In: Seifert, Gerhard: Lebensqualität in unserer Zeit – Modebegriff oder neues Denken? Göttingen, S. 5-15

Noll, Heinz-Herbert (1999): Konzepte der Wohlfahrtsentwicklung: Lebensqualität und „neue“ Wohlfahrtskonzepte. In: EuReporting Working Paper No. 3, Mannheim

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