Die Phase nach der Wiedervereinigung Deutschlands bis in die erste Hälfte der neunziger Jahre war zunächst durch den weit verbreiteten Glauben an aufholende Wachstumsprozesse in Ostdeutschland („blühende Landschaften“) getragen. Dies sollte die Basis bilden für die erhoffte Angleichung der Lebensbedingungen zwischen ost- und westdeutschen Städten und Regionen. Diese Entwicklung beruht unter anderem auf:
Seit Anfang des neuen Jahrhunderts ist die „schrumpfende Stadt“ zum vorherrschenden Paradigma der Stadtforschung und -politik in Ostdeutschland geworden.
In den schrumpfenden Städten besteht die Gefahr einer Abwärtsspirale: Abwanderungen und fehlende Arbeitsplätze führen zu Kaufkraft- und Steuereinnahmeverlusten, abnehmende öffentliche und private Mittel bewirken sinkende Investitionen, welche wiederum zu Abwanderungen beitragen können. Für die Stadtpolitik in Ostdeutschland stellt sich angesichts der Schrumpfungstrends und -prognosen immer drängender die Frage, wie sich die Lebensqualität in den schrumpfenden Städten sichern lässt. Auch viele Programme des Bundes und der Länder – wie Stadtumbau Ost, Soziale Stadt oder Stadt 2030 – orientieren sich heute am Ziel der Verbesserung der Lebensqualität in den Städten.
Angesichts der vielschichtigen Ursachen der Stadtschrumpfung
scheint ein komplexer, ressortübergreifender Ansatz angemessen. Das
Konzept der städtischen Lebensqualität folgt einem solchen Ansatz.
Es umfasst „harte“ und „weiche“ Standortfaktoren,
sowohl die durch „objektive“ Daten ermittelbaren Lebensbedingungen
als auch die durch Umfragen ermittelbare Zufriedenheit der Bürger.
Städtische Lebensqualität ist ein querschnittsorientiertes Konzept
und umfasst die wichtigsten Lebensbereiche einer Stadt: Welche Arbeits-
und Einkommensmöglichkeiten bietet die Stadt? Welche Wohnqualitäten
sind vorhanden? Welche Freizeit- und Naherholungsmöglichkeiten gibt
es? Welche Schulformen und Ausbildungsmöglichkeiten werden angeboten?
Wie ist es um die Sicherheit in den öffentlichen Räumen der
Stadt bestellt?
Der Paradigmenwechsel von der wachsenden zur schrumpfenden Stadt, die
schwindenden Aussichten auf eine baldige Angleichung an westdeutsche Lebensstandards
und die im Stadtbild in Gestalt von Leerständen, Abrissen, Ruinen
und Stadtbrachen immer sichtbarer werdenden Folgen der Schrumpfung haben
auch die Klein- und Mittelstädte des Städtekranzes Berlin-Brandenburg
veranlasst, ihre Lebensqualitäten neu zu bestimmen. Welche Entwicklungstrends
in den einzelnen Lebensbereichen Arbeiten, Wohnen, Freizeit, Bildung usw.
verlaufen positiv, welche negativ? Wo kann man überhaupt gegensteuern?
Welche Stärken und Schwächen haben die einzelnen Städte
in der Wahrnehmung ihrer Bürger? Um diese Fragen beantworten zu können,
haben sich die sieben Klein- und Mittelstädte des Städtekranzes
Berlin-Brandenburg im Jahr 2001 dazu entschlossen, ein Berichtssystem
zur Lebensqualität in ihren Städten zu entwickeln. Zu diesem
Städtekranz zählen: Brandenburg an der Havel, Cottbus, Eberswalde,
Frankfurt (Oder) sowie Jüterbog, Luckenwalde und Neuruppin.
Die Erarbeitung und Implementierung dieses Berichtssystems zur Lebensqualität erfolgte im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projektes. Mit der Entwicklung dieses Berichtssystems sollten Daten und Indikatoren aus unterschiedlichen Quellen und Fachressorts zusammengeführt und für neue Formen und Verfahren der Politikberatung nutzbar gemacht werden. Den beteiligten Gemeinden sollte das Berichtssystem nach Abschluss des Forschungsprojektes eine eigenständige Weiterführung erlauben. Dabei sollte es sich nicht um eine rein quantitativ orientierte Datenbeschaffung handeln, sondern auch um die qualitative Erhebung der Zufriedenheit der Bürger mit verschiedenen Aspekten ihrer Stadt. Das Berichtssystem sollte Frühwarnfunktion für die Stadtpolitik haben, um negative Entwicklungstrends rechtzeitig erkennen und ihnen entgegenwirken zu können. Ferner sollte es als ressortübergreifende Informationsbasis dienen, auf deren Grundlage strategische Entscheidungen in Stadtpolitik und -verwaltung getroffen werden können. Neben der Identifizierung von Entwicklungstrends sollten auch räumliche Vergleiche zwischen den sieben untersuchten Städten möglich sein.