Heike Liebmann, Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung
(Erkner)
Dr. Tobias Robischon, Schader-Stiftung (Darmstadt)
Demographische und wirtschaftliche Schrumpfungsprozesse, überregionale
Abwanderungen, anhaltende Suburbanisierungstendenzen sowie ein erheblicher
Wohnungsleerstand in der Altbausubstanz wie in den Plattenbaubeständen
der großen Neubaugebiete kennzeichnen seit Ende der 1990er Jahre viele
Städte und Gemeinden in den neuen Ländern. Die Kommunen sind gefordert,
ihre mittel- und langfristigen Entwicklungsziele kritisch zu überprüfen
und – je nach der örtlichen Situation und den vorausschaubaren
Veränderungsverläufen – strukturell neue, integrierte Konzepte
für die Entwicklung der Städte zu erarbeiten.
Zur Zeit unternehmen Bund und Länder vielfältige Bemühungen,
um die Städte und Gemeinden bei der Erarbeitung von wirksamen Problemlösungen
zu unterstützen. Insbesondere mit dem Förderprogramm „Stadtumbau
Ost“ und dem im letzten Jahr realisierten Wettbewerb „Für
lebenswerte Städte und attraktives Wohnen“ wurden in den Städten
entsprechende Aktivitäten angestoßen. Fast alle größeren
Städte der neuen Länder verfügen mittlerweile über Integrierte
Stadtentwicklungskonzepte. Diese sind gleichzeitig Voraussetzung für
den Erhalt von Fördermitteln aus dem Programm „Stadtumbau-Ost“.
Es wird jedoch immer deutlicher, dass sich viele Kommunen in ihren Konzepten
sehr einseitig auf die städtebaulichen und wohnungswirtschaftlichen
Probleme des Stadtumbaus beschränken, und nur dort zur Heilung der gegenwärtigen
Symptome der Schrumpfungs- und Leerstandsentwicklungen ansetzen. Notwendig
ist aber, von den grundsätzlichen Ursachen und Entwicklungen auszugehen
und kreativ neue Perspektiven für die Stadtentwicklung in wirtschaftlicher,
sozialer, kultureller, baulicher und wohnungswirtschaftlicher Hinsicht
zu entwickeln.
Wegen der spezifischen Transformationssituation in den neuen Ländern ist deren aktuelle Stadtentwicklung nicht ohne weiteres mit zumeist eher kleinräumigen Schrumpfungsprozessen in westeuropäischen Städten zu vergleichen. Trotzdem finden sich Trends massiver Strukturbrüche und zurückgehender Bevölkerungszahlen durchaus auch in Westeuropa oder Nordamerika. In den nördlichen Industriestädten Englands (Liverpool, Manchester, Huddersfield), in dem US-amerikanischen sogenannten „rust-belt“ mit Detroit, oder anderen einst den industriellen Fortschritt markierenden Regionen zeigt bzw. zeigte sich ein ähnliches Bild. Bevölkerungsrückgang in Städten und Schrumpfung sind also keine allein ostdeutschen Symptome. Dennoch muss man den Vorgang in Ostdeutschland angesichts seiner räumlichen wie vor allem auch zeitlichen Konzentration als einmalig bezeichnen. Schrumpfungserscheinungen in den neuen Ländern sind trotz Suburbanisierung – bis auf wenige Ausnahmen, wie dem Berliner Umland – geprägt durch großflächig schrumpfende Stadtregionen. Sie setzten in den meisten Städten Ende der 1980er Jahre ein und führten innerhalb weniger Jahre zu Bevölkerungsrückgängen zwischen zehn und mehr als 20 Prozent. Eine Umkehrung des Trends ist in der übergroßen Mehrzahl der Städte derzeit nicht abzusehen. Die Entwicklungen in West- teilweise auch Südeuropa oder auch in den alten Bundesländern zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie regional begrenzt waren bzw. sind und sich wie bspw. im Ruhrgebiet über einen Zeitraum von zwanzig bis dreißig Jahre vollzogen haben. Charakteristisch für die alten Länder und Westeuropa ist ebenso, dass in den meisten Fällen Schrumpfungen in den Städten (Bevölkerungsrückgänge, Brachen, Leerstände) verbunden waren mit Wachstumsprozessen am Rand oder im Umland der Städte, d.h. Prozessen der Sub- oder auch Desurbanisierung (Liebmann 2002).
Die besonderen Problemlagen in Ostdeutschland ergeben sich aus einer Überlagerung von drei wesentlichen Faktoren: den „Nachwirkungen“ von spezifischen Rahmenbedingungen der Stadtentwicklung in der ehemaligen DDR, den Folgen der gesellschaftlichen Transformation sowie der zusätzlichen Überlagerung dieser spezifischen Charakteristika durch umfassende ökonomische Globalisierungsprozesse.
Trotzdem ist es für Problemlösungs-Lernen wichtig, Erfahrungen darüber auszutauschen, wie es Städten Westeuropas gelungen ist, Abwärtsspiralen in der Entwicklung zu durchbrechen, welche Bedingungen notwendig waren, um eine Stabilisierung und Regenerierung zu erreichen. Besonders wichtig erscheint uns dafür die Herausbildung einer eigenen städtischen Kreativität, wie sie sich aus dem Zusammenführen öffentlicher, privater und freiwilliger Sektoren sowie leistungsfähiger lokaler Akteure und der Verständigung auf langfristige strategische Ziele ergeben kann.
Das Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) und die Schader-Stiftung haben daher im letzten Jahr die Idee entwickelt, im Rahmen einer Workshopreihe Erfahrungen und kreative Handlungskonzepte im positiven Umgang mit Schrumpfungsprozessen aus den neuen Ländern und aus Westeuropa zusammenzuführen und mit Blick auf Problemlösungen zu diskutieren. Ziel war es, durch die Vermittlung und Diskussion von Erfahrungen die Entfaltung städtischer Kreativität im ostdeutschen Umbauprozeß zu fördern. Gleichzeitig erhofften wir uns, im Ergebnis der Diskussion, Bedingungen für eine erfolgreiche Stabilisierung und Regenerierung von Städten besser beschreiben zu können und so neue Ansatzpunkte für das Handeln in den ostdeutschen Ländern zu gewinnen. Denn schrumpfende Städte müssen Unglaubliches leisten: sich wie Baron Münchhausen am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen. Geniestreiche und Glücksfälle mag es geben, für die Mehrzahl der Kommunen kommt es aber darauf an, systematisch die Voraussetzungen für die Entfaltung städtische Kreativität zu verbessern, um damit die Chancen auf eine Regeneration aus eigener Kraft zu erhöhen.
Auf Einladung des IRS und der Schader-Stiftung beteiligen sich im Zeitraum von Oktober 2002 bis April 2003 die Städte Frankfurt/Oder, Leipzig, Neuruppin, Schwerin und Zwickau an fünf Workshops. Jede Stadt übernahm für einen Workshop die Rolle des Gastgebers. Zusätzlich wurde jeweils ein Gastreferent eingeladen. Auf diese Weise flossen Erfahrungen aus den nordenglischen Städten Huddersfield, Liverpool und Manchester sowie aus Karlskrona in Schweden und Tilburg in den Niederlanden in die Diskussion ein.
Um trotz aller Unterschiede zwischen den betrachteten Städten Gemeinsamkeiten erkennen und Hinweise auf Bedingungen erfolgreicher Regenerierung erhalten zu können wurde ein durchgängiger analytischer Rahmen für die Diskussion gesetzt. In Anlehnung an das von Charles Landry (2000) vorgeschlagene konzeptionelle Instrumentarium „The creative city, a toolkit for urban innovators“ wurde daher die Diskussion entlang von vier Leitfragen geführt:
Wir gehen davon aus, dass angesichts der Komplexität der Problemlagen in den Städten zukunftsfähige Problemlösungen ein „neues Denken“ herausfordern. Kreatives Handeln in der Stadtentwicklung ist dann die intendierte Veränderung nicht mehr adäquater Handlungsmuster in unterschiedlichen kommunalen Handlungsfeldern. Es favorisiert integrierte und grenzüberschreitende Handlungsansätze. Kreatives Handeln heißt auch, mit Routinen zu brechen. Im Sinne einer „Kultivierung des Experiments“ wird ein verantwortungsvoller Umgang mit offenen Ergebnissen und Mut zum kalkulierten Risiko gefordert.
Städtische Kreativität bezieht sich nicht vordergründig auf die spezifische Ausrichtung einer Stadt als „creative city“ sondern ist als zentrales, verändertes Arbeitsprinzip von Politik und Verwaltung zu entwickeln. Das setzt voraus, dass Städte nicht nur als gebaute Umwelt verstanden werden, sondern als Systeme und Netzwerke. Stadtpolitik verlagert dann ihren Schwerpunkt von der physischen Infrastruktur zur Städte-Dynamik und zur Lebensqualität der Stadtbewohner. Das bedeutet nicht das städtebauliche Maßnahmen keine Rolle mehr spielen, aber sie werden eingebunden in ein breiteres Verständnis von Regenerierung, nämlich als ein Prozess, der den Menschen Gelegenheiten zur Entfaltung und Mitgestaltung eröffnet, wodurch eine stärkere Basis für eine künftig bessere Wettbewerbsfähigkeit der Städte erwachsen kann (Keim 2001: 27).
Kreatives Handeln fußt auf einer erweiterten städtischen Kommunikation und Kooperation. D.h. die Herausbildung einer eigenen städtischen Kreativität ist durch die Zusammenführung von und Zusammenarbeit mit Akteuren aus dem öffentlichen, privaten und freiwilligen Sektor und die Verständigung auf gemeinsame strategische Ziele möglich. Akteursgruppen zusammenzuführen setzt allerdings voraus, dass vorhandene Akteure wahrgenommen und gezielt zur Mitwirkung motiviert werden. Neue Akteurskonstellationen zeichnen sich dabei durch die Verschiedenartigkeit ihrer Konstituierung und Positionierung auf den Entscheidungsebenen aus.
So hat bspw. in Karlskrona die Bildung einer gemeinsamen Kooperationsplattform aus öffentlicher Verwaltung, Universität und privater Wirtschaft im Bereich der Telekommunikation wesentliche Potenziale in der Zusammenarbeit freigesetzt und eine Neuprofilierung der Kommune, nach einem grundlegenden Strukturwandel, als „Telecom-city“ ermöglicht. In den an der Workshopreihe beteiligten ostdeutschen Städten wurde hingegen die Erfahrung gemacht, dass Potenziale, die insbesondere im Wissens- und Bildungsbereich liegen, bisher kaum wahrgenommen und nahezu nicht in Prozesse der Stadtentwicklung integriert werden. Chancen für Kreativität und Visionen, die im gezielten Ausbau eines Wissensmilieus liegen, werden damit vergeben, denn regionale Ausstattungsmerkmale (Bildungs- und Forschungseinrichtungen, sonstige Infrastruktur) allein begründen noch keine innovative Stadt- und Regionalentwicklung. Erst intensive Interaktionen zwischen den Akteuren können positive Entwicklungseffekte bringen.
In der Workshopreihe hat sich sehr deutlich gezeigt, dass Grenzen für die Wahrnehmung und Wirksamkeit von Kreativität in den Kommunen oft zu wenig ausgeprägte lokale Kommunikationskulturen und kreativitätshemmende Rahmenbedingungen in der öffentlichen Verwaltung bilden. Die Überwindung macht- und parteipolitisch festgefahrener Strukturen durch eine Orientierung an der Lösung von Sachproblemen ist Voraussetzung für eine zukunftsorientierte Politik auf kommunaler Ebene. Das hohe kreative Potenzial, das bspw. viele Mitarbeiter in die Verwaltung einbringen wird vielfach geradezu ausgebremst. Ansatzpunkte für eine Überwindung der Situation können sich durch eine ämterübergreifende Zusammenarbeit in Projekten und eine gezielte Ausdehnung des Akteursspektrums bzw. die Einbeziehung externen Know-hows ergeben. Notwendig dazu ist, dass die lokale Politik erstens bereit ist Prioritäten zu setzen statt alle Klientelgruppen bedienen zu wollen, und dass sie sich zweitens auf strategische Entscheidungen beschränkt, statt in alle Detailaktivitäten zu intervenieren. Die Verwaltung muss – das vermittelten vor allem die Erfahrungen aus Tilburg – ihr eigenes Selbstverständnis reformieren und ein Image bzw. eine Selbstwahrnehmung des mentalen Zusammenhalts und der gemeinsamen Zielsetzungen entwickelt und dies mit einer positiven Selbstdarstellung verbinden.
Auf der anderen Seite zeigten gerade die westeuropäischen Beispiele, dass bei Entwicklungsprozessen, die als krisenhaft empfundenen werden (massiver Bevölkerungsrückgang / Leerstand / Schrumpfung der Kommunalfinanzen), Problematiken deutlicher zutage treten bzw. stärker wahrgenommen werden. Wenn diese Probleme ein bestimmtes Ausmaß erreichen und keine Aussicht besteht, sie über traditionelle Wachstumshoffnungen zu lösen, dann werden Personen, Gruppen oder auch Organisationen initiativ. Krisen und Problemsituationen werden dann zum Anlass genommen, herkömmliche Handlungswege und altbewährte Routinen zu verlassen, um entgegen konventionellen Denk- und Lösungsmustern neue Wege zu gehen. An diesem Punkt kann es hilfreich sein, wenn über die Realisierung gemeinsamer Projekte neue Arbeitsweisen erprobt, Akteursnetzwerke aufgebaut und eine positive Grundstimmung erzeugt werden können.
Im vorliegenden Beitrag konnten unter dem Stichwort „städtische Kreativität“ einige Aspekte kurz angerissen werden, die während der Workshopveranstaltungen in den letzten Monaten thematisiert wurden. Die Ergebnisse der Workshopreihe wurden, ergänzt durch einige Beiträge zusätzlich gewonnener Autoren, in der Publikation „Städtische Kreativität – Potenzial für den Stadtumbau“ aufbereitet und im Rahmen einer Fachtagung am 10. September 2003 im Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner vorgestellt.
In der Publikation wird, Dank der Vielfalt der Autoren und ihrer Sichtweisen, städtische Kreativität nicht nur wissenschaftlich-analytisch, sondern auch von ihrer praktischen Seite beleuchtet, indem theoretische Konzepte neben Strategien der Praxis stehen und sowohl die Binnenperspektive der städtischen Verwaltung wie der Blick externer Berater aus dem In- und Ausland, aus Wissenschaft und Praxis vertreten ist.
Das erste Kapitel „Konzepte und Methoden städtischer Kreativität“ stellt das Theoriekapitel dieses Buches dar. Hier werden die Konzepte städtischer Kreativität vorgestellt und Definitionsversuche unternommen. In seinem Mittelpunkt steht allerdings die sehr praktische Frage, wie und mit welchem methodischen Instrumentarium städtische Kreativität sinnvoll in der Stadtentwicklung eingesetzt werden kann.
Im zweiten Kapitel werden am konkreten Beispiel einzelner Städte „Strategien für die Regenerierung schrumpfender Städte“ vorgestellt. Grundlegend für diese Strategien ist zum Beispiel, dass sie offen für die teilweise widersprüchliche Vielgestaltigkeit der Entwicklung sind, um etwa die Gleichzeitigkeit von Schrumpfung und Wachstum in verschiedenen Bereichen einer Stadt fassen zu können. Eine zentrale Frage ist auch, wie eng die Grenzen sind, die kommunalen Entwicklungsstrategien von der allgemeinen Konjunktur und dem wirtschaftlich-technischen Strukturwandel gesetzt werden – und ob gar kreative Kommunalpolitik wirtschaftlichen Niedergang umkehren kann, und falls ja, wie.
Während das zweite Kapitel die strategischen Handlungsmöglichkeiten der politischen und administrativen Führung einer Stadt auslotet, widmet sich das dritte Kapitel den „Bedingungen der Entfaltung städtischer Kreativität“, also ihren strukturellen, institutionellen und mentalen Voraussetzungen. Diese liegen allem Anschein nach in einer spezifischen Art der Vernetzung städtischer Akteure, die kreative Milieus auszeichnet, in einer besonderen geistigen Einstellung als Basis einer flexible, lernenden Arbeitsweise und modernen Formen der Verwaltungsorganisation, die eben diese Vernetzungen und lernenden Arbeitsweisen begünstigen.
Das Buch stellt ein erstes Zwischenergebnis der im Jahr 2002 begonnenen
Diskussion über die Rolle städtischer Kreativität im Stadtumbauprozess
Ostdeutschlands dar. Es soll dazu anregen, die Diskussion über städtische
Kreativität fortzusetzen und dabei den Blick über den eigenen
Tellerrand nicht zu scheuen.
Liebmann, Heike ; Robischon, Tobias:
Städtische
Kreativität – Potenzial für den Stadtumbau
Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung und Schader-Stiftung;
Erkner, Darmstadt 2003; ISBN 3-932736-10-9; 244 Seiten; 13,00 Euro (zzgl. Porto)
Bestellungen bitte schriftlich an die Schader-Stiftung:
e-mail: kontakt_at_schader-stiftung.de
Fax: (06151) 17 59-25
Keim, Karl-Dieter: Forschungs- und Entwicklungsprogramm zur Regenerierung der ostdeutschen Städte. In: Keim, Karl-Dieter (Hrsg.): Regenerierung schrumpfender Städte – zur Umbaudebatte in Ostdeutschland. Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, RegioTransfer 1, S. 9-40
Liebmann, Heike 2002: Stadtumbau in Manchester – Planungspartnerschaften und radikale Umstrukturierung. In: PlanerIn Heft 4/2002, S. 37-39
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