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Forschungsabteilung 4

Strategische Stadtplanung – Ansätze zur Regenerierung schrumpfender Städte in Ostdeutschland

Laufzeit: 05/2007 – 07/2009

Projektleitung: Dr. Manfred Kühn

Projektbearbeitung: Dipl.Soz.Wiss. Susen Fischer, Dipl. Ing. Roland Fröhlich

Kurzfassung des Projektes

Das Forschungsvorhaben untersuchte strategische Planungsansätze zur Regenerierung von schrumpfenden und deindustrialisierten Mittelstädten in Ostdeutschland, die durch Einwohner- und Beschäftigungsrückgänge gekennzeichnet sind. „Regenerierung“ umfasst die Erneuerung der Erwerbs- und Einwohnerbasis durch Zuwanderung neuer Bewohner und Entstehung neuer Arbeitsplätze auf der Basis des postindustriellen Strukturwandels. Ziel des Forschungsvorhabens war es, empirische Erkenntnisse über vorhandene Ansätze der strategischen Stadtplanung in schrumpfenden Städten Ostdeutschlands zu gewinnen und daraus Hypothesen für die Theoriebildung abzuleiten. In fünf Fallstudien wurden drei Merkmale der strategischen Planung untersucht: 1. langfristig angelegte strategische Leitbilder für die Gesamtstadt, 2. kurzfristige strategische Impulsprojekte in Teilräumen der Stadt, 3. strategische Akteurs-Kooperationen zwischen den öffentlichen Ressorts Stadtplanung und Wirtschaftsförderung sowie zwischen öffentlichen und privaten Akteuren.

Thema des Projektes: Strategische Stadtplanung

Strategische Planung ist in den internationalen Planungswissenschaften ein vieldiskutiertes Modell, während es in Deutschland dazu nur wenige theoretische Arbeiten und fast keine empirische Forschungen gibt. Eine anerkannte Definition und ein einheitliches planungswissenschaftliches Verständnis von strategischer Planung liegt auch international bisher nicht vor. Aufgrund ausgeprägter nationaler Planungskulturen in Europa wird vielmehr eine Vielfalt von Varianten und Ansätzen konstatiert. Dennoch lässt sich ein gemeinsames Grundverständnis in der planungstheoretischen Literatur identifizieren. Dazu gehört die Einordnung der strategischen Planung als Synthese zwischen den  idealtypischen Modellen der integrierten Entwicklungsplanung („comprehensive planning“) und des Planungs-Inkrementalismus („disjointed incrementalism“). Der hybride Charakter der strategischen Planung kommt auch im Konstrukt des „perspektivischer Inkrementalismus“ zum Ausdruck, welcher der Internationalen Bauausstellung Emscher Park zugrunde lag. Strategische Planung wird sowohl vom Modell der integrierten Stadtentwicklungsplanung aus den 1970er Jahren, wie auch vom darauf reagierenden Modell des Planungs-Inkrementalismus abgegrenzt. Der auf eine Integration öffentlicher Ressorts zielende „große Plan“ hat aufgrund geringer Steuerungswirkungen die Hinwendung zu Einzelprojekten bewirkt. Der Inkrementalismus der „kleinen Schritte“ wurde dagegen wegen seines kurzfristigen Aktionismus und der weitgehenden Aufgabe des öffentlichen Steuerungsanspruchs kritisiert.

Als konstitutives Merkmal des Modells der strategischen Planung wird von vielen Autoren die Gleichzeitigkeit von Leitbildprozessen und Projekten beschrieben (Fassbinder 1993:15, Becker 1999: 464, Albrechts 2004: 749). „Wesentliches Merkmal der strategischen Entwicklungskonzepte ist die unbedingte Einheit von Orientierung und Umsetzung.“ (Brake 2000: 285). Auch aktuelle strategische Stadtentwicklungsansätze in Europa arbeiten mit der „Verknüpfung von Gesamtkonzeption und Impulsprojekten.“ (BBR 2005:10).

Das Modell der strategischen Planung vereinigt gegensätzliche Merkmale der integrierten Entwicklungsplanung und des Inkrementalismus. Seine Elemente und Beziehungen lassen sich in folgendem normativen Modell darstellen, das als heuristischer Rahmen für empirische Untersuchungen verwendet wird:

 

Diagramm Projektziele

Ziele des Projektes

1. Strategische Leitbilder. Erstes Ziel war die Klärung der Frage, inwieweit werden mit strategischen Leitbildern in schrumpfenden Städten Ostdeutschlands neue, postindustrielle Visionen entworfen bzw. an alten industriellen Identitäten festgehalten wird. Welche Akteure akzeptieren die Deindustrialisierung und inwieweit fördern sie damit die Regenerierung? Welche Akteure hemmen durch das Festhalten an der Industriestadt möglicherweise den postindustriellen Strukturwandel? Die Untersuchung von Leitbildprozessen soll Konflikte oder Konsense in den Aushandlungsprozesse aufdecken und deren Wirkungen auf die Ableitung strategischer Projekte identifizieren.

2. Strategische Projekte. Zweites Ziel waren neue Erkenntnisse über das Zusammenspiel von langfristigen Leitbildern und kurzfristigen Projekten in der Praxis schrumpfender Städte in Ostdeutschland zu gewinnen. Unter welchen Bedingungen werden in schrumpfenden Städten Ostdeutschlands überhaupt strategische Projekte definiert? Welche Impulse zur Bewältigung des Strukturwandels wurden erwartet, welche sind aus Sicht der Akteure tatsächlich eingetreten?

3. Strategische Akteurs-Kooperationen. Als drittes Ziel sollte geklärt werden, welche strategischen Kooperationen zwischen den Akteuren in schrumpfenden Städten Ostdeutschlands gebildet werden. Wie ressortübergreifend arbeitet die öffentliche Stadtverwaltung im Rahmen strategischer Leitbildprozesse? Sind strategische Leitbildprozesse und strategische Projekte in postsozialistischen Städten durch eine Dominanz öffentlicher Akteure geprägt bzw. bestehen Mitwirkungsdefizite seitens privater Eigentümer, Investoren und Unternehmen?

Untersuchungsstädte

Empirische Fallstudien wurden in fünf Mittelstädten Ostdeutschlands durchgeführt. Dazu wurden folgende Städte ausgewählt:

  1. Cottbus (Land Brandenburg, 107.000 Einwohner)
  2. Dessau (Land Sachsen-Anhalt, 78.000 Einwohner)
  3. Stralsund (Land Mecklenburg-Vorpommern, 59.000 Einwohner)
  4. Görlitz (Land Sachsen, 58.000 Einwohner)
  5. Wittenberge (Land Brandenburg, 20.000 Einwohner).

Diese Städte weisen folgende gemeinsame Merkmale auf:

  • sie gehören mit einem Spektrum zwischen etwa 20.000 und 100.000 Einwohnern zum Größentyp der Mittelstädte;
  • sie weisen eine negative Einwohner- und Beschäftigungsentwicklung im Zeitraum 1990 bis 2004 auf und zählen damit zu den schrumpfenden Städten;
  • sie sind vom Strukturbruch der Deindustrialisierung sowie einer strukturell hohen Arbeitslosigkeit betroffen und stehen vor der Aufgabe, den postindustriellen Strukturwandel zu bewältigen.

Grafik Untersuchungsstädte

Methoden

Im Rahmen des Forschungsvorhabens wurden folgende quantitative und qualitative Methoden kombiniert:

  • Sekundärdatenanalyse. Als quantitativer Vergleichsrahmen der qualitativ angelegten Fallstudien wurden die verfügbaren statistischen Sekundärdaten zur Entwicklung von Wohnbevölkerung, Wanderungen, Beschäftigten, Arbeitslosigkeit, sektorale Wirtschaftsstruktur und Wohnungsleerstandsquoten gesammelt und ausgewertet. Damit konnten a) das Maß des Strukturbruchs der Deindustrialisierung der Städte nach der Wende bestimmt und verglichen werden; b) demografische, sozioökonomische und städtebauliche Schrumpfungsphasen in den Städten vergleichend rekonstruiert werden; c) vorhandene Prozesse der sozioökonomischen Regenerierung (Indikatoren: Zuwanderung neuer Wohnbevölkerung, Entstehung neuer Arbeitsplätze) identifiziert werden.
  • Vergleichende Fallstudienanalysen. In der sozialwissenschaftlichen Forschung gilt der Vergleich als eine der wichtigsten Methoden. Durch minimalen und maximalen Vergleich sowie eine entsprechende Fallkontrastierung lassen sich aus Einzelfällen allgemeingültige Zusammenhänge erkennen und Erklärungen ableiten. Eine Stärke von Fallstudien liegt in der damit zu erreichenden qualitativen Untersuchungstiefe. Eine Schwäche von Fallstudien liegt im Problem der Verallgemeinerbarkeit der Fallstudienergebnisse, die sich aus einer in der Regel relativ geringen Fallzahl ergeben. Die Verallgemeinerbarkeit und Übertragbarkeit der Fallstudienergebnisse aus den fünf Fallstudien auf den Kreis der ostdeutschen Mittelstädte wurde im Rahmen des Forschungsvorhabens durch die gesonderte Durchführung von zwei Expertenworkshops geprüft. Um überkomplexe Theorien aufgrund einer möglichen Vielzahl von Variablen zu vermeiden, deckte die Auswahl der Untersuchungsfälle verschiedene Variablenkombinationen ab.
  • Leitfaden-Interviews. Mit leidfaden-gestützten Interviews wurden ausgewählte Experten als Repräsentanten einer Gruppe (u.a. Stadtplanungsamt, Wirtschaftsförderungsamt, Bürgermeister, Unternehmen, Wohnungswirtschaft, Vereine, Lokalpresse) nach vorbereiteten Gesprächsthemen befragt. Leitfaden-Interviews müssen die Kriterien Nichtbeeinflussung der Interviewpartner, Spezifität subjektiver Sichtweisen, Erfassung eines breiten Spektrums sowie Tiefgründigkeit berücksichtigen (Flick 1996:94). Der Leitfaden-Entwurf wird zunächst in einem Pretest geprüft.
  • Qualitative Inhaltsanalyse. Bei der qualitativen Inhaltsanalyse von schriftlichen Dokumenten wurde das systematische Auswertungsverfahren der deduktiven Kategorienanwendung angewendet und anschließend durch eine induktive Kategorienentwicklung ergänzt.
  • Presseanalyse. Die Sammlung und Auswertung von Artikeln der Lokalpresse war eine ergänzende Methode, um lokale Themen und handelnde Akteure in der städtischen Öffentlichkeit zu identifizieren, Akteurskonstellationen zu erfassen und Leitbildprozesse zu rekonstruieren.

 

Publikationen:

KÜHN, Manfred ; FISCHER, Susen:
Strategische Stadtplanung : Strategiebildung in schrumpfenden Städten aus planungs- und politikwissenschaftlicher Perspektive
Detmold : Rohn, 2010. - 191 S. ; € 32,00
ISBN 978-3-939486-45-9

KÜHN, Manfred: Strategische Stadt- und Regionalplanung. In: Raumforschung und Raumordnung 3/2008, Bonn, S. 230-243

Ansprechpartner im IRS:

Dr. Manfred Kühn
Susen Fischer

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