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Forschungsabteilung 1

Dynamiken von Wirtschaftsräumen

Leitprojekt

Nähe und Distanz in der Wissensökonomie. Analyse von Innovationsprozessen in ausgewählten Räumen Deutschlands

Projektleiter:
Prof. Dr. Oliver Ibert

Projektteam:
MSc Felix Claus Müller, Dipl.-Geogr. Kai Pflanz, Dr. Axel Stein,
Dipl.-Math. Manuela Wolke, Dr. Sabine Zillmer

Bearbeitungszeitraum:
01/2009-12/2011

Das Leitprojekt hat Innovationsdynamiken in verschiedenen Funktionssystemen der Wissensökonomie zum Gegenstand. Die Fragestellung lautet, wie im Zuge dieser Innovationsprozesse Beziehungen der Nähe und Distanz ausgestaltet werden und welche Konflikte um Wissensverwertung (Wissensdilemma) dabei auftreten. In einem explorativen Forschungsdesign sollen vermutete Unterschiede zwischen Funktionssystemen der Wissensökonomie herausgearbeitet werden.

Während in der Wirtschaftsgeographie die förderliche Wirkung von physischer Nähe im Raum für Innovationsprozesse bereits ausgiebig untersucht und begründet worden ist, wurde der Wirkung von Distanz nur unsystematisch explizite Beachtung geschenkt. Obwohl zwar die Möglichkeit der Distanzüberwindung, etwa durch erhöhte professionelle Mobilität, durch vermehrte temporäre Zusammenkünfte oder intensivierte virtuelle Kollaboration im Diskurs zunehmend eingeräumt wird, bleibt Distanz ein Problem für interaktive Lernprozesse, das es zu überwinden gilt. Der wesentliche konzeptionelle Beitrag der Leitprojektforschung wird darin liegen, Nähe und Distanz als gleichwertige Kategorien zu behandeln und dabei auch die produktiven Funktionen von distanzierten Beziehungen explizit zu machen und empirisch zu substantiieren.

Dazu wurde es notwendig, das Begriffspaar für eine empirische Analyse zu operationalisieren. Die Unterscheidung zwischen physischer und relationaler Distanz wurde aufgegriffen und für eine empirische Untersuchung von Innovationsprozessen konkretisiert:

  • Physische Distanzen sollen untersucht werden, indem Mobilität im Zuge von Innovationsprozessen ins Zentrum des Interesses rückt. Konkret geht es darum, die entscheidenden Orte und die mobilen Elemente (in erster Linie Menschen, aber auch Artefakte oder Dokumente) eines Innovationsprozesses zu identifizieren, und dann danach zu schauen, welche für den Innovationsprozess kritischen Aktivitäten wo und in welcher Konstellation ausgeführt worden sind.
  • Relationale Distanz wird als ein heuristischer Begriff verwendet, der zunächst sehr offen alle möglichen Konstellationen von kultureller Differenz benennt. Derartige Beziehungen werden von uns als Anlässe für Lernprozesse interpretiert. In empirischen Analysen gilt es, Konstellationen von kultureller Differenz zu identifizieren und nach deren Wirkungen im Innovationsprozess zu fragen. Weiterhin soll darauf geachtet werden, wie in Innovationsprozessen Konstellationen von kultureller Distanz erzeugt und aufgelöst werden. Möglicherweise können sich dabei unterschiedliche Dimensionen relationaler Distanz überlagern, wobei auf einer Ebene kulturelle Spannungen erzeugt werden, während auf der anderen Ebene eine gemeinsame Basis geschafft wird

Als Untersuchungsgegenstand wurden Innovationsbiographien ausgewählt, weil sich in ihnen räumliche und zeitliche Dynamiken integriert beobachten lassen, so dass sowohl Formen und Wirkungen von Mobilität im Innovationsprozess als auch wechselnde Konstellationen relationaler Distanzen zu beobachten sind. Die Forschungen konzentrieren sich auf den Vergleich zweier Branchen, die idealtypisch für zwei Funktionssysteme der Wissensökonomie eingehender betrachtet werden. Die Rechtsberatung repräsentiert dabei transaktionsorientierte Dienstleister, die Forschungs- und Entwicklung-Dienstleistungen stehen für transformationsorientierte Dienstleister. Die Konzentration erlaubt es, einerseits vergleichend-kontrastiv zu arbeiten, andererseits aber die notwendige Tiefe der Analyse in insgesamt sechs Innovationsbiographien zu erreichen. Da Innovationsbiographien gegebene Untersuchungsräume überschreiten, wurde ein gemeinsamer räumlicher Zugang zu diesen Prozessen im Großraum Berlin gewählt, von dort aus wird dann der konkrete Verlauf der Biographie rekonstruiert.

Eine begleitende quantitative Untersuchung, die gegen Ende des Leitprojekts angesetzt ist, zielt ebenfalls darauf ab, Kollaborationsstrukturen in den ausgewählten Branchen zu analysieren, doch auf viel breiterer Datenbasis. Es soll eine Analyse von Ko-Autorenschaften in einschlägigen Fachjournalen mit einem expliziten Praxisbezug durchgeführt werden. Die Annahmen sind, dass führende Innovatoren im Feld bevorzugt in diesen Journalen publizieren und dass Ko-Autorenschaften entscheidende Ausschnitte ihrer Netzwerke mit wichtigen Innovationspartnern abbilden. Daneben sollen auch Daten zu den institutionellen und geographischen Verortungen der Akteuren gesammelt werden, um die Verbreitung und Relevanz von physischen wie relationalen Distanzen ermessen zu können.

Durch den Mix qualitativer Tiefenanalyse und quantitativer Breitenanalysen erhoffen wir uns eine zusätzliche Validität unserer Aussagen zur Wirkung relationaler wie physischer Distanzen in Innovationsprozessen.

 

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