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Forschungsabteilung 1

Regionalisierung und Wirtschaftsräume

Leitprojekt

Metropolregionen unter dem Einfluss der Dienstleistungswirtschaft: Organisation, Mobilität und Kommunikation

Projektleiter
Dr. Hans Joachim Kujath

Projektteam
Dr. Michael Arndt, Dr. Thomas Fischer, Dr. Caroline Heinrich, Dipl.-Ing. Petra Jähnke, Dr. Manfred Kühn, Suntje Schmidt M.A., Dipl.-Math. Manuela Wolke, Dr. Sabine Zillmer

Laufzeit
01/2001-12/2002

Fragestellung
Global City, Informational City, Technopolis, Transactional Metropolis sind Begriffe, für die sich ändernde Rolle von Großstadt- und Metropolregionen. Das Wachstum einiger dieser Regionen in jüngster Zeit wird auf das Zusammenspiel von Globalisierung/ Europäisierung wirtschaftlicher Beziehungen sowie auf eine zunehmende Wissensbasierung der Wirtschaft zurückgeführt. In der Vergangenheit waren Metropolregionen eher durch hauptstädtische Dienstleistungs- und Kontrollfunktionen oder als Industriestandorte definiert. Gegenwärtig rücken Fragen nach ihrer Bedeutung als Knoten des Informations- und Wissensaustauschs in einer sich globalisierenden, industriellen Arbeitsteilung und nach ihrem Funktionswandel zu Standorten der Wissensproduktion und Wissensvermarktung in den Vordergrund. Das Forschungsprojekt konzentrierte sich in diesem Zusammenhang zum einen auf die Einflussfaktoren, die die Wissensökonomien zu neuen metropolitanen Wachstumsträgern machen. Zum anderen fragte es nach den vermutlich dadurch ausgelösten dramatischen Veränderungen der Raumnutzungsmuster innerhalb der Metropolregionen selbst sowie zwischen ihnen und den übrigen Regionen. Daraus ergeben sich weitere Implikationen für die Kommunikations- und Verkehrsinfrastrukturen sowie für die Anforderungen an die räumliche Planung und Regionalpolitik.
Unternehmensbezogene Informationsdienstleister gelten als Träger und Motoren dieser Veränderungen. Sie lassen sich als ein Wirtschaftszweig kennzeichnen, der die außermarktliche Beschränkung des Wissenstransfers durchbricht und durch Umwandlung von implizitem in explizites Wissen für Kunden auf den Dienstleistungsmärkten verfügbar macht und dadurch die Wissensdiffusion beschleunigt. Das Neue und Besondere der in den Metropolregionen konzentrierten Informationsdienstleistungen ist – so die Hypothese – vor allem ihre Fähigkeit, die Entwicklung von Märkten für Wissensprodukte zu stimulieren. Informations- und Kommunikationstechniken bilden dabei wichtige Rahmenbedingungen für den erleichterten Transfer der Wissensprodukte. Diese regen gleichzeitig dazu an, mehr Wissen als bisher zu formalisieren und in handelbare Produkte zu verwandeln. Im Allgemeinen wird von einer „knowledge based economy“ gesprochen, wenn die wachsende Bedeutung von Wissen und Informationen in den Produktions- und Marktbeziehungen betont wird. Diese Schwerpunktsetzung erfasst jedoch die möglicherweise revolutionären Veränderungen nicht, die sich in der metropolitanen Dienstleistungswirtschaft abzeichnen. Denn von den neuen Informationsdienstleistern wird Wissen nicht nur als Produktionsfaktor gebraucht, es wird vielmehr auch als eigenständiges ökonomisches Gut verarbeitet und vermarktet. Es kann vermutet werden, dass dieser Wandel von einer „knowledge based economy“ zur „knowledge economy“ den Metropolregionen langfristig eine neue Dynamik sowie eine veränderte Funktion und räumliche Gestalt gibt.
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen stellten sich vor allem folgende Forschungsfragen:

  • In welchem Ausmaß haben sich in den Metropolregionen Informationsdienstleistungen zu exportorientierten neuen Wirtschaftszweigen der Informations- und Wissensökonomie entwickelt?
  • Haben die Metropolregionen die Funktion von Wissensmärkten bzw. globalen Schaltstellen des wirtschaftlichen Informations- und Wissensaustausches angenommen?
  • In welchem Ausmaß sind die neuen Informations- und Wissensökonomien an die metropolitanen Räume gebunden und in welchem Ausmaß prägen sie diese?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich aus den spezifischen wirtschaftlichen Aufgaben der Informationsdienstleistungen für die Organisationsstruktur und räumliche Ausdehnung ihrer Beziehungen, für ihre Kommunikationsformen und damit zusammenhängend für die Personenmobilität?
  • Welche regionalpolitischen Strategien lassen sich aus den gewonnenen Erkenntnissen ableiten?

Methodisches Vorgehen
Basierend auf umfangreichen Literatur- und Dokumentenanalysen wurde ein theoretischer Bezugsrahmen abgesteckt, der die funktionale Bedeutung verschiedener metropolitaner Dienstleistungsschwerpunkte hervorhebt, die sich auf die Verarbeitung von Informationen und Wissen beziehen. Er bildete die Grundlage für die Formulierung von Hypothesen und die Erarbeitung eines standardisierten Fragebogens, der neben Strukturdaten vor allem verhaltensbezogene Daten der Unternehmen in Bezug auf ihre Kunden, Zulieferer und Wissensquellen behandelt. Der Fragebogen ist an Unternehmen der Informationsdienstleistungen und Wissensökonomie in den Metropolregionen Berlin und München versandt worden. Die Befragung erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Geographischen Institut der Humboldt Universität zu Berlin, das einen speziellen Fragenkomplex zur Nutzung der „green card“ bearbeitet hat.

Ergebnisse
Spezifische funktionale Typen von Informationsdienstleistern
Dem Projekt lag der Ansatz zu Grunde, dass sich die sich auf die Kodifizierung und Verteilung von Wissen spezialisierenden Dienstleistungsunternehmen im Spannungsfeld globaler und regionaler Wirtschaftsbeziehungen nicht mehr mit Hilfe einer Branchengliederung ausreichend unterscheiden lassen, sondern vielmehr auf Basis ihrer ökonomischen Funktionen und ihrer funktionalen Verflechtungen. Eines der Untersuchungsziele war folglich, einen Beitrag zur ökonomisch funktionalen Unterscheidung dieser metropolitanen Dienstleistungen zu leisten. Basierend auf theoretischen Vorüberlegungen konnten drei Typen von Dienstleistern definiert werden, deren Unterscheidung mit Hilfe der Befragungsergebnisse bestätigt wurden. Es handelt sich um:

  • Global Services, d.h. Dienstleister, die Bestandteil globaler wirtschafts- und Informationszusammenhänge sind, die eine Vermittlungsfunktion in der sich globalisierenden Ökonomie übernehmen und deren Expansion auf den Globalisierungsprozessen der Wirtschaft aufbauen.
  • Servindustrial Economy, d.h. Dienstleister, die eng mit dem verarbeitenden Gewerbe verwoben sind. Zwischen der Industrie und dem Dienstleistungssektor besteht eine arbeitsteilige Beziehung, in der die Informationsdienstleistungen von der wirtschaftlichen Stärke der Industrie und umgekehrt die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie von der Verfügbarkeit zusätzlicher Wissensbestandteile abhängen.
  • Informational Industry, d.h. Anbieter von hochkomplexen Informations- und Wissensprodukten, die dennoch einen so hohen Standardisierungsgrad erreichen (Software, Medienprodukte usw.), dass sie vergleichsweise leicht über Märkte vertrieben werden können.

Erschließung überregionaler Märkte durch die Informationsdienstleister
Informationsdienstleistungen haben die Funktion, Wissen zu explizieren und zu seiner Verbreitung beizutragen. Die Frage war, ob sie damit auch den Ausgangspunkt für das Entstehen einer metropolitanen Wissensökonomie sind, die ihre Produkte über den lokalen und regionalen Raum hinaus vermarktet. Bislang galt die räumliche Nähe zu den Kunden und Zulieferern innerhalb der eigenen Agglomeration als ein dienstleistungsspezifisches Merkmal, das die Wachstums- und Produktivitätspotentiale in diesem Sektor stark eingeschränkt hat. Begründet mit den neuen Dienstleistungsaktivitäten, die sich auf eine Kodifizierung von Wissen beziehen und den Einsatz neuer IuK-Technologien stützen, wurde die Hypothese untermauert, dass die traditionellen räumlichen Bindungen der Dienstleister an ihre Kunden sich tendenziell auflösen. Im Rahmen der Unternehmensbefragung konnte eine Schwächung der funktionalen Bindung an Metropolregionen und eine räumliche Ausweitung der Dienstleistungsmärkte tatsächlich festgestellt werden. So ist die große Zahl transregional agierender Unternehmen mit teilweise sich globalisierenden Marktbeziehungen und damit der Dienstleistungsexport bemerkenswert. Mehr als 60% aller befragten Informationsdienstleister haben neben regionalen Kunden auch Kunden außerhalb der Region, also bezogen auf den regionalen Standort Exportbeziehungen. Allerdings konzentriert sich das Gros der Kunden nach wie vor im engeren räumlichen Umfeld der Dienstleister innerhalb der Metropolregion. Darüber hinaus sind die Unterschiede zwischen Berlin und München groß. Die stärkere überregionale Orientierung der Münchener Dienstleister weist einerseits auf unterschiedliche Dienstleistungsstrukturen in beiden Regionen hin, aber auch auf unterschiedliche Entwicklungsniveaus und Markträume der Dienstleistungswirtschaft in beiden Regionen.

Quellen der Informationsgewinnung
Als Erklärung für das konzentrierte Auftreten wissenverarbeitender Informationsdienstleister in Metropolregionen wird häufig angeführt, dass die Dienstleister der Notwendigkeit folgen, die räumliche Nähe zu ihren Informationsquellen und den Wissensträgern zu suchen. Informationsdienstleister konzentrieren sich demnach in Metropolregionen, weil sie hier für die Entwicklung ihres Leistungspotenzials wichtige Wissensressourcen reichlich und in großer Dichte vorfinden und persönlichen Kontakt zu den Wissensträgern leicht aufnehmen können. Die Auswertungen der Unternehmensbefragung bestätigten diese Einschätzung nur bedingt: Für die Gewinnung hochkomplexer Informationen sind Face-to-Face-Kontakte zwar nach wie vor unverzichtbar, jedoch sind die Netzwerke des Informationsaustauschs nicht durchgängig in lokale Milieus eingebettet. Das Netzwerk der Kommunikation ist bei vielen Betrieben überregional angelegt und stützt sich dabei auf einen Mix direkter, persönlicher Kommunikation und neuer Informations- und Kommunikationstechniken. Die ausgeprägtere Binnenorientierung der befragten Informationsdienstleister in der Berliner Region im Vergleich zu den Münchener Dienstleistungsunternehmen kann vor diesem Hintergrund als Indiz interpretiert werden, dass die befragten Berliner Informationsdienstleister weniger Zugang zu nationalen und internationalen Wissensbeständen haben und damit von Wissensressourcen abgeschnitten sind, über die Münchener Betriebe mit weiter gespannten Informationsnetzwerken verfügen.

Kommunikation per IuK-Technik und Personenmobilität
Metropolregionen nehmen in mehrerer Hinsicht Knotenfunktionen ein: Sie sind Transport-, Kommunikations-, Informations- und Funktionsknoten mit prägender regionaler, nationaler und internationaler Bedeutung. Gerade diese Dopplung von regionaler und überregionaler Bedeutung schlägt sich in den Anforderungen an die Infrastruktur nieder: Sowohl regionale als auch überregionale Anbindungen der Regionen sind als wichtige Standortfaktoren genannt worden. Auch die überragende Bedeutung der modernen IuK-Technologien wird in den Befragungsergebnissen sehr deutlich. Nicht nur ist die Ausstattung einer Region mit Telekommunikationsinfrastruktur das bedeutendste Standortkriterium, IuK-Technologien werden auch in jeder Phase der wirtschaftlichen Kontakte von den Informationsdienstleistern als Hilfsmittel genutzt. Allerdings bleibt es bei der Zuordnung als – entscheidendes – Hilfsmittel, denn es konnte nicht nachgewiesen werden, dass IuK-Technologien andere Kommunikationsformen ersetzen. Im Gegenteil: Unternehmen mit besonders intensiver Nutzung der IuK-Technologien sind in der Regel auch besonders stark in persönliche Kontaktnetze eingebunden und über große Distanzen mobil (Flugzeug).

Publikationen
JÄHNKE, Petra (2002): Restructuring of spatial relations of business services in metropolitan regions – a research project. In: ERSA, GfR, Universität Dortmund (Hg.): From Industry to Advanced Services – Perspectives of European Metropolitan Regions, 42nd Congress of the European Science Association (ERSA) Dortmund, Congress CD-ROM 2002

HEINRICH, Caroline (2001): Metropolitan Information Producers and Services and their Relevance to Innovation Theory. In: GaWC Research Bulletins, 66, 2001, http://www.lboro.ac.uk/gawc/rb/rb66.html

KUJATH, H.J (2004): Räumlicher Strukturwandel in deutschen Metropolregionen. Interaktionen und Standortverhalten von Unternehmen der Wissensökonomie in Berlin und München. In: Wüstenrot Stiftung: Räumlicher Strukturwandel im Zeitalter des Internets. Neue Herausforderungen für Raumordnung und Stadtentwicklung, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 238-260

KUJATH, H.J. (Hrsg.) (2005): Knoten im Netz. Zur neuen Rolle der Metropolregionen in der Dienstleistungswirtschaft und Wissensökonomie, Stadt- und Regionalwissenschaften, Band 4, Münster, LIT

KUJATH, H.J. (2005): Restructuring of the Metropolitan Region of Berlin-Brandenburg: Economic Trends and Political Answers. In: Geographica Polonica, Vol. 78, S.117-136

SCHMIDT, S.; WOLKE, M. (2004): Thesen zur organisatorischen und räumlichen Ordnung wissensbasierter Dienstleistungen – Berlin und München im Vergleich. In: Matthiesen, U. (Hrsg.): Stadtregion und Wissen, Analysen und Plädoyers für eine wissensbasierte Stadtpolitik, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften

 

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