Weiteres zur Forschungs- abteilung 3
Forschungsprofil
Dass Raumentwicklung und Innovationen im Raum nicht einfach unilateral und von oben herab geplant werden können, dessen ist man sich in den Praxisfeldern der Raumpolitik und -planung längst bewusst. Es ist weithin Konsens, dass Wissen ein entscheidender Produktions- und Entwicklungsfaktor ist und dass unterschiedliche gesellschaftliche Akteursgruppen mit ihren Wirklichkeitsdeutungen, ihrem spezifischen Wissen, ihren Ideen und Visionen entscheidend zu einer erfolgreichen Raumentwicklung beitragen können. Einig ist man sich daher auch darin, dass die unterschiedlichen Akteure berücksichtigt und in Planungsprozessen beteiligt werden müssen. Davon zeugt die Tatsache, dass Konzepte wie Governance (Fürst/Benz 2003), Netzwerkbildung (vgl. z.B. Hellmer et al. 1999; Stahl/Schreiber 2003; Rudolph 2003) und projektorientierte Raumplanung (Ibert 2003) diskutiert und umgesetzt werden und dass Schlagworte wie Koordination, Kooperation und auch Kommunikation selbstverständlich geworden sind.
Man hat erkannt, dass im Rahmen von Kooperationen Aushandlungen, Überzeugungsarbeit und Konsensherstellung geleistet werden müssen und dass man sich, wenn man diese Vorgänge verstehen möchte, der Analyse von kommunikativen Prozessen zuwenden müsste. So hat Healey bereits 1996 einen ‚communicative turn’ in den Planungswissenschaften gefordert, und auch Hastings (1999) hat im Themenheft „Discourse and Urban Change“ der Zeitschrift „Urban Studies“ versucht, einen ‚linguistic turn’ in den Raumwissenschaften anzustoßen. Faktisch haben sich aber diese Erkenntnisse und Forderungen bislang kaum in Forschungsprogrammatiken niedergeschlagen. Insgesamt besteht ein hoher Informationsbedarf darüber, wo genau die Probleme im Spannungsfeld von Top-down-Planungen und Bottom-up-Entwicklungen liegen und wie sie gegebenenfalls gelöst werden könnten.
Künftig müssen Forschungen angestrengt werden, die sich mit den kommunikativen Prozessen innerhalb dieses Spannungsfeldes befassen. So fehlen etwa Erkenntnisse über Mechanismen einer kommunikativen Konstruktion von Raum, d.h. über konkrete kommunikative Prozesse in Akteursgruppen, Netzwerken und öffentlichen Diskursen, durch die ein bestimmtes – für die Raumentwicklung relevantes – Wissen (in Form von Raumdeutungen, neuen bzw. innovativen Ideen, Visionen) entsteht, vermittelt und anschlussfähig gemacht wird, Akzeptanz findet und letztlich Raum gestaltend wirksam wird.
Das Arbeitsprogramm der Forschungsabteilung wird sich diesen Fragen am Beispiel von sozialräumlichem Strukturwandel und raumwirksamen sozialen Innovationen widmen, wobei auch räumliche Disparitäten in den Blick genommen werden sollen. Ziel ist es, die Dimension der Kommunikation als analytische Kategorie in die empirische sozialwissenschaftliche Raumforschung einzuführen. Auf diese Weise sollen Beiträge zur anwendungsorientierten Grundlagenforschung geleistet und Orientierungswissen für eine kommunikationsorientierte Raumentwicklung, Raumplanung und Governance bereitgestellt werden.
Im Zentrum unserer Untersuchungen wird stehen, wie sich Raumentwicklung kommunikativ vollzieht, d.h. z.B. wie traditionelle Wirklichkeitsdeutungen vom Raum transformiert werden und wie neue bzw. innovative Wirklichkeitsdeutungen kommunikativ entstehen, verhandelt und umgesetzt werden, wie es zu raumbezogenen Identitätsbildungen und zu Raumbindung kommt und wie Prozesse des Public Branding verlaufen. Schwerpunkte des Arbeitsprogramms 2009-2011 werden Gegenstandsbereiche wie Raumpioniere und Transkulturalität sein. Im letzteren Fall soll unter anderem untersucht werden, welche Impulse beispielsweise von Migranten und Migrantinnen für sozialräumlichen Wandel bzw. Innovationen ausgehen. Nicht zuletzt werden milieuspezifische und sozialräumliche Wertkulturen im Hinblick auf die Werte Leistung, Bildung und Innovation in den Blick genommen und deren kommunikative Vermittlung im Rahmen von öffentlichen Diskursen beleuchtet.
Forschungsprämisse des Arbeitsprogramms ist die aus den neueren Entwicklungen des Sozialkonstruktivismus abgeleitete und auf den Raum angewandte theoretische Annahme der kommunikativen Konstruktion von Raum. Da grundsätzlich verschiedenste Akteure an der kommunikativen Konstruktion von Raum beteiligt sind, die jeweils unterschiedliche Wirklichkeitsdeutungen und Visionen von einem Raum entwickeln und kommunizieren, legen wir unseren Analysen eine relationale und dynamische Raumkonzeption zugrunde. Raum wird als verhandelbar angesehen.