Weiteres zur Forschungs- abteilung 3
Wissensbasierte Stadtentwicklungen – Vergleichende Fallanalysen zur Dynamik und zu Steuerungsoptionen neuerer Stadtentwicklungstendenzen
Projektleiter:
Prof. Dr. Ulf Matthiesen
Projektbearbeitung:
Kerstin Büttner, Dr. Heidi Fichter-Wolf, Petra Jähnke, Thomas Knorr-Siedow, Dr. Manfred Kühn, Bastian Lange, Gerhard Mahnken
Laufzeit:
01/2003 - 12/2005
Die Forschungsabteilung untersuchte in dieser ersten Phase des mittelfristig angelegten Leitprojekts Grundfragen milieudifferenzierter Raumentwicklungen quer zu den gesellschaftlichen Teilsystemen und ihren raumwirksamen Kräften (Ökonomie, Politik, Sozialsystem). Der zentrale Untersuchungsfokus richtete sich dabei auf das Zusammenspiel von Akteursnetzen und kulturellen Raumkodierungen (Bewertungen, Neu-Profilierungen, Entwertungen von Räumen). Ziel war es, einen Kernbereich der "sozialwissenschaftlichen Raumforschung" genauer zu erfassen: Interaktionsdynamiken raumrelevanter lokaler und regionaler Akteure, deren Kooperations- und Steuerungsformen sowie ihre raumstrukturierenden Effekte. Die untersuchten Interaktionsformen reichten dabei von „harten“ strategischen Akteursnetzen über „weichere“ informelle Milieuvernetzungen bis zu den Selbstorganisationsformen zivilgesellschaftlicher Akteure.
Nicht zuletzt spielten für die Milieuforschung Steuerungsfragen eine zentrale Rolle. Gegen den normativen Überhang vieler raumpolitischer Policy- und Governanceansätze legte die milieuorientierte Steuerungsforschung dabei das Schwergewicht ihrer Analysen auf eine kritische Rekonstruktion von intendierten, faktisch erzielten und nicht intendierten Steuerungseffekten im Kontext von spezifischen Governance-Milieus. Im Zeitraum 2003 bis 2005 bearbeitete die Milieuforschung das Themenfeld der Koevolution von Raum und Wissen, von Governance und Interaktionsdynamiken.
Fragestellungen
Wissen, Bildung und Lernen übernahmen in dieser Projektphase immer stärker die Rolle von Katalysatoren der räumlichen Entwicklung. Zugleich war nicht zu übersehen, dass wissensbasierte Entwicklungsdynamiken in Städten und Regionen zu neuen Disparitäten und Ungleichgewichten führten (Brain Drain, Digital Divide etc.). Vor diesem Problemhintergrund fragte das Leitprojekt der Abteilung in den Jahren 2003 - 2005 in kontrastierenden Stadträumen (wachsend / schrumpfend, Ost / West) nach wissensbasierten Entwicklungsdynamiken und Steuerungsoptionen für ausgewählte Interaktionsnetze sowie nach deren raumstrukturierenden Effekten.
Das Leitprojekt arbeitete mit drei Forschungsmodulen:
1. Wissensmilieus,
2. Wissensorientierte Governance-Formen und
3. Wissensbasierte Raumstrukturen.
Die Untersuchung konzentrierte sich zunächst auf drei extrem kontrastierende Standorte (Erlangen, Frankfurt (Oder), Jena) und wurde dann um Berlin-Adlershof erweitert. Forschungsmethodisch stand dabei die Untersuchung von wissensbasierten Interaktionsdynamiken und Vernetzungsformen zwischen raumentwicklungsrelevanten Akteuren im Vordergrund. Die Bandbreite der untersuchten Interaktionsnetze reichte dabei von ökonomischen und politischen zu sozialen Netzen. Ein besonderes Augenmerk erhielten formell-informell gemischte Netzstrukturen (KnowledgeScapes). Quantitative Strukturdatenanalysen sowie qualitative Fallrekonstruktionen gingen in der Methodik der Leitprojektforschung mit einer minimal/maximal kontrastiven Fallauswahl einher. Ende 2005 konnten diese Arbeiten mit einem forschungsgestützten Rahmenkonzept weiter integriert werden (KnowledgeScapes).
Meilensteine und Ergebnisse
Sowohl der Wissensmilieu-Ansatz (2003) wie das KnowledgeScapes-Konzept (2005) stellen forschungsheuristisch einschlägige Ergebnisse der Milieuforschung dar, die international Beachtung fanden. Damit konnten die Forschungsergebnisse der Leitprojektmodule in einem 3-Ebenen-Modell von Interaktionsdynamiken, Wissenskulturen und Habitusformen zusammengeführt werden.
Forschungsmodul Wissensmilieus
Im Zeitraum 2003-2005 wurden zwei Stadträume und ihre wissensbasierten Raumentwicklungen genauer untersucht, einmal Frankfurt (Oder), dann – maximal kontrastierend dazu – Erlangen.
a. Der Fall Erlangen:
Unter der doppelten Leitprojekt-Fragestellung nach neuen Raumbedarfen auf Seiten innovativer Wissensmilieus sowie deren faktischen Raumwirkungen wurde das Spannungsverhältnis von Raumbindung und Flexibilisierung am Fall des global aufgestellten Siemens-Konzerns in der Region Erlangen untersucht. Vor dem Hintergrund rasant sich entwickelnder Internationalisierungs- und damit einhergehender Umstrukturierungsprozesse im High-Tech-Bereich kristallisierten sich zwei Unternehmensbereiche als besonders interessant heraus: einmal die Siemens-„Standortleitung“, dann der High-Tech-Bereich „Medical Solutions“. Anhand des Bereiches „Standortleitung“ ließen sich besonders gut neue Raumbindungsstrategien des Global Players an den Standort Erlangen sowie ihre Auswirkungen auf die Stadtpolitik insgesamt untersuchen. Dagegen steht der Bereich „Medical Solutions“ paradigmatisch für die konsequente globale Umstrukturierung und Flexibilisierung des Konzerns unter der Randbedingung von Innovationsdynamiken auf dem Feld der Gesundheits- und Medizin-Hochtechnologie. Mit der untersuchungsstrategischen Wahl zweier stark kontrastierender Geschäfts- und Entwicklungsfelder konnten unterschiedliche Raumbindungs- und Raumkonstruktionsmuster innerhalb eines globalen Unternehmens im Detail rekonstruiert werden – mit jeweils unterschiedlichen Komplementärstrategien lokaler Bindung und globaler Vernetzung. Auf zukunftsfähige Weise strukturierte sich darüber der Raum der Stadtregion ‚wissensbasiert’ um.
b. Der Fall Frankfurt (Oder):
Im Sinne eines maximalen Kontrastes zu Erlangen wurde zunächst das Scheitern des Großprojektes für die Errichtung einer Chipfabrik in Frankfurt (Oder) untersucht. Vor diesem Hintergrund lag das Schwergewicht der Untersuchungen dann auf kleineren wissensbasierten Netzaktivitäten und Wissensmilieus in diesem Raum. Insbesondere wurden Startup-Gründungen im Bereich Mikro-Elektronik, Chip-Design und -Produktion untersucht. Diese Innovationsanstrengungen in einer ostdeutschen Peripherie waren von Beginn an mit erheblichen Brain-Drain-Gefahren konfrontiert. Eine wichtige Forschungsfrage war deshalb, mit welchen Handlungsstrategien diesen Gefahren begegnet wurde. Eine der einfallsreicheren Antworten war ein informell operierendes Ausbildungsnetz, das hoch qualifizierten regionalen Nachwuchs rekrutierte und in der Lage war, diesen am strukturschwachen Standort zu halten. Grundlage dieses erfolgreichen Kompetenzbindungsversuches war ein fachspezifisches Lernnetz, das zwischen dem technischen Gymnasium vor Ort und einer aus dem VEB-Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) ausgegründeten Startup-Firma geknüpft wurde und überregional operierte. Dieses Lernnetz organisierte dabei ambitioniert berufliche Aufstiegschancen – von der Schule bis in leitende Ebenen von Firmen im Halbleiterbereich hinein. Darüber entwickelte sich ein auf Vertrauen basierendes System der Nachwuchsförderung, das neben einem ortstypischen kollektiven Resonanzboden – milieuartige Verflechtungen aus den Zeiten des großen ehemaligen VEB-Halbleiterwerkes – frühzeitig und systematisch mit anschlussfähigen globalen Wissenspraktiken und Ausbildungsstandards verkoppelt wurde. Getragen und generiert wurde dieses informelle, wenngleich auf klaren formalen Regeln basierende Ausbildungsnetz vom Schulleiter des Gymnasiums und ortsansässigen Gründern von High-Tech-Startups.
Forschungsmodul wissensorientierte Governance
Auf der Basis der Ergebnisse einer vorangegangenen Phase des Leitprojekts (2001-2002) wurden die empirischen Befunde über Interaktionsformen und Governance-Prozesse in den Städten Frankfurt (Oder), Jena und Erlangen zueinander in Beziehung gesetzt. Durch die Anwendung eines von Patsy Healey entwickelten Modells des governance capacity-building, in dem die Bereiche intellectual, social und political capacity unterschieden werden, konnte die Bedeutung von Wissen in Governance-Prozessen weiter geklärt werden. Damit ließen sich insbesondere auch die Governance-Strukturen in den drei Untersuchungsstädten im Hinblick auf eine wissensbasierte Stadtentwicklung vergleichen. Das Zusammenspiel von formellen und informellen Interaktionsprozessen in den jeweils einschlägigen Netzwerken wurde damit analytisch fassbar.
Forschungsmodul wissensbasierte Raumstrukturen
Mit Berlin-Adlershof wurde ein Wissensraum fokussiert, der zunächst den klassischen Fall der funktionsräumlichen Planungsvorstellungen für Campus-artige „Wissenschaftsstädte“ repräsentiert. Der Forschungsfokus richtete sich hier auf Raumbindungen bedeutsamer Akteursgruppen einer wissensbasierten Stadtentwicklung. Ein präzisierter Untersuchungsansatz zur Analyse von akteursbezogenen Raumanforderungen, Raumnutzungen und Raumdefinitionen bildete die Grundlage für umfangreiche empirische Untersuchungen in der Fallregion Berlin-Adlershof (Stadt der Wissenschaften, der Wirtschaft und der Medien). Mit der qualitativen Auswertung von 30 Interviews konnten Schlussfolgerungen sowohl hinsichtlich differenzierter Raumbindungsmuster unterschiedlicher Schlüsselakteursgruppen und deren Einflussfaktoren als auch bezogen auf akteursdifferenzierte Raumbindungstypen am Beispiel wissensbasierter Unternehmen gezogen werden. Dazu wurde folgende Typologie entwickelt: (a) Standortbekenner, (b) Standortdistante und (c) potenzielle Wegzieher. Eine erste Strukturierung der Befunde nach dem heuristischen Schema der KnowledgeScapes zeigt, dass eine Vielzahl von Wissensmilieus und Wissensnetzwerken eine eigensinnige Form von Wissenskulturen am Standort prägen, dass Raumbindungskonflikte z.T. durch Lernprozesse überwunden werden können und dass ein entscheidendes Innovationspotenzial dieses allmählich sich profilierenden sticky knowledge places in seiner neuen Differenziertheit im Spannungsfeld zwischen Bildung, FuE und Medien besteht.
Ergänzungsprojekt: Wissenschaftsmarketing als Faktor der Leitbildgenerierung in Berlin und Brandenburg
Ausgehend von der Fragestellung, wie in der deutschen Hauptstadtregion eine länderübergreifende Kommunikationspolitik dazu beitragen kann, die Leitbildentwicklung zu unterstützen, stand in diesem Ergänzungsprojekt das Verhältnis von Wissenschafts- und Regionalmarketing im Mittelpunkt der Forschung. Theoretisch bezog sich die Untersuchung auf die Konzepte der Wissensmilieus (Matthiesen), des Stadt- und Regionalmarketings (Manschwetus, Meyer, Balderjahn), auf die Science Communications-Debatte (PUSH/Public Understanding of Science and Humanities) sowie auf das hier auf sozialräumlicher Ebene angewandte Konzept der Integrierten Kommunikation (Bruhn). Kennzeichnend für das Untersuchungsdesign war ein Methodenkombinationsverfahren auf diskursanalytischer Grundlage (Dokumentenanalyse, teilnehmende Beobachtung, leitfadengestützte Experteninterviews). Hinzu traten quantitative Untersuchungen (Auswertung einer schriftlichen, halbstandardisierten Befragung der Deutschen Public Relations Gesellschaft, Landesgruppe Berlin-Brandenburg). Die breit angelegten Analysen einschlägiger kultureller Raumkodierungen zeigten, dass eine strategische Allianz zwischen Politik, Kommunikations-Professionals (resp. Medienvertretern) und wissensbasierten Einrichtungen zur Entwicklung eines belastbaren und identitätsstiftenden Images für den Untersuchungsraum noch aussteht.
Publikationen (Auswahl)
BÜTTNER, Kerstin; LANGE, Bastian (2005): Jena – Frankfurt (Oder) re-started? Wissen - Milieus - Raum in Schrumpfungskontexten Ostdeutschlands. In: Kujath, Hans Joachim (Hrsg.): Knoten im Netz. Zur neuen Rolle der Metropolregionen in der Dienstleistungswirtschaft und Wissensökonomie. Münster, Seite 369-394
BÜTTNER, Kerstin; JÄHNKE, Petra; LANGE, Bastian (2004): Zwischen Spardiktat und Exzellenzansprüchen - Wissensstadt Berlin. In: DISP 156, S. 75-87
BÜTTNER, Kerstin; DROSTE, Christiane; LANGE, Bastian, MAHNKEN; Gerhard (2005): Wissensnetze im Stadtumbau des Landes Brandenburg - Analysen und Empfehlungen. In: Raumforschung und Raumordnung. Jg. 63, 2005, Heft 6, S. 423-431
KNORR-SIEDOW, Thomas; DROSTE, Christiane (2005): Large Housing Estates in Berlin, Germany. Opinions of residents on recent developments. RESTATE report 4b, Utrecht: University Utrecht, ISBN 90-6266-244-7, 110 Seiten
KNORR-SIEDOW, Thomas; TOSICS, Iván (2005): Knowledge management and policy application in urban management and housing. IRS-Working Paper http://www.irs-net.de/download/KnowledgeMgmt.pdf
LANGE, Bastian; MATTHIESEN, Ulf (2005): Raumpioniere. In: Oswalt, Philipp (Hrsg.): Schrumpfende Städte. Band 2 - Handlungskonzepte. Ostfildern, Seite 374-383
LANGE, Bastian (2005): Socio-spatial strategies of Culturepreneurs. The example of Berlin and its new professional scenes. In: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie. Jg. 49, 2005, Heft 2, S. 81-98
MATTHIESEN, Ulf (2005): Governance Milieus in Shrinking Post-Socialist City Regions - and their Respective Forms of Creativity. Case Miniatures and Conceptual Propositions. In: DISP, 2005, Nr. 162, Heft 3, S. 53-61
MATTHIESEN, Ulf (2005): KnowledgeScapes - Pleading for a knowledge turn in socio-spatial research. IRS-Working Paper, 19 Seiten.
www.irs-net.de/download/KnowledgeScapes.pdf
MATTHIESEN, Ulf (Hrsg.) (2004): Stadtregion und Wissen. Analysen und Plädoyers für eine wissensbasierte Stadtpolitik. Wiesbaden
MATTHIESEN, Ulf; REUTTER Gerhard (Hrsg.) (2003): Lernende Region – Mythos oder lebendige Praxis? Bielefeld
MATTHIESEN, Ulf (2003): Dimensionen der Raumentwicklung in der Perspektive einer strukturalen Hermeneutik. In: Krämer-Badoni, Thomas; Kuhm, Klaus (Hrsg.): Die Gesellschaft und ihr Raum, Band 21. Opladen, Seite 251-274