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Forschungsabteilung 3

Wissensmilieus und Raumstrukturen

Leitprojekt (Phase II, 2006 - 2008)

Wissensbasierte Stadtregionsentwicklungen – Vergleichende Fallanalysen zur Dynamik und zu Steuerungsoptionen neuerer Raumentwicklungstendenzen

Projektleiter:
Prof. Dr. Ulf Matthiesen (bis Februar 2008), Gerhard Mahnken (ab März 2008)

Projektbearbeitung:
Kerstin Büttner, PD Dr. Gerd Held, Corinna Hölzl, Dr. Heidi Fichter-Wolf,
Dr. Petra Jähnke, Thomas Knorr-Siedow, Gerhard Mahnken

Laufzeit:
01/2006 - 12/2008

Fragestellungen
Das mittelfristig angelegte Leitprojekt befasste sich mit Untersuchungsräumen, die bewusst kontrastiv ausgewählt wurden. Sie reichen vom deutsch-polnischen Grenzraum und ostdeutschen Städten in der so genannten Peripherie über den Metropolraum Berlin/Brandenburg bis zu internationalisierten stadtregionalen Vergleichsräumen wie Erlangen (Siemens), Eindhoven (Philips), und Toulouse bzw. Hamburg (Airbus). In der abschließenden Phase verfolgte das Projekt vier Fragestellungen:
In methodischer Hinsicht orientierte sich die zweite Projektphase weiterhin an einer Kombination von quantitativen Strukturdatenanalysen, wie sie der ersten Projektphase zugrunde lagen, und qualitativen Fallrekonstruktionen. Kennzeichnend für das Untersuchungsdesign waren leitfadengestützte Experteninterviews, teilnehmende Beobachtungen sowie Dokumentenanalysen.

Meilensteine und Ergebnisse
Die Arbeiten zum Leitprojekt wurden 2008 mit der Produktion eines resümierenden Herausgeberbandes abgeschlossen. Der Band „Das Wissen der Städte“ (VS-Verlag für Sozialwissenschaften) erweitert dabei die Diskussion um die Ressource Wissen im stadtregionalen Raum. Er knüpft an den Band „Stadtregion und Wissen“ an (2004, ebenfalls Verlag für Sozialwissenschaften). Die Debatte um Wissen als kulturelle Ressource für räumliche Entwicklungen in der Wissensgesellschaft sowie als Produktionsfaktor für neue Ökonomieformen hat im Projektverlauf in der Scientific Community wie auf der politisch-administrativen Ebene weitere Kreise gezogen.
Die Durchführung des Projektes erfolgte in drei miteinander verknüpften Modulen: Wissensmilieus, Wissensorientierte Governance und Wissensbasierte Raumstrukturen.

Forschungsmodul „Wissensmilieus“
Für die Analyse spezifischer Kopplungen globaler und lokaler Netzwerke mit Milieus in ihrem jeweiligen kulturellen Kontext wurden drei Fallstudien ausgewählt: einerseits die Medizintechnik von Siemens in Erlangen und von Philips in Eindhoven, andererseits die Luftfahrtindustrie (EADS Airbus) in Toulouse und Hamburg. Der Untersuchungsschwerpunkt lag hier zum einen auf der Bedeutung konkreter Orte und Regionen, zum anderen auf den Transaktionszonen des Wissens, d.h. der Organisation von Übersetzungsprozessen von Wissen zwischen verschiedenen Wissenskulturen. Spezialwissen, das in eine spezifische Kombination von harten und weichen Netzwerken (KnowledgeScapes) eingebettet ist, wird dabei aus komplementären Kompetenzen rekrutiert: einerseits Expertenwissen aus den eigenen wie den Nachbardisziplinen, sowie andererseits aus der Berufs- und Lebenswelt gewonnenes Erfahrungs- und Reflexionswissen. Damit wird die Herausbildung von soft skills verknüpft. So wird aktuelles Problemwissen zwischen diesen Kompetenzbereichen ständig diskursiv face-to-face neu ausgetauscht und in seiner Relevanz verhandelt. Das so entstehende Domänenwissen unterliegt einem ständigen Prozess der Überprüfung und Erneuerung und ist durch seine spezifische Konstellation themen- und raumbezogen. Eine organisatorische Schlüsselrolle spielt dabei die Transaktion zwischen Kernunternehmen und externen Experten („Referenz-Kunden“ bzw. Zulieferern). Die empirischen Ergebnisse der Fallstudie zum Global Player Siemens ließen zudem eine Dualität zwischen einem stark im Erlanger Milieu verankerten Standortleiterbereich und einem global ausgerichteten Medizintechniknetzwerk erkennen. Im Rahmen des heuristischen Konzeptes der „KnowlegeScapes“ wurde dieser Befund entsprechend der aktuellen theoretischen Diskussionen in den Raumwissenschaften und der Wissenssoziologie konzeptualisiert.
Ergebnisse wurden in Form eines Aufsatzes „Stadtentwicklung durch Großkonzerne – das Beispiel Siemens in Erlangen als eine Erfolgsstory der Wissensstadtentwicklung?“ veröffentlicht (erschienen im Sammelband „Das Wissen der Städte“). Überdies wurde für ein Special Issue der referierten Zeitschrift disP der Aufsatz „Knowledge­Scapes in globalen Innovationsfeldern – Medizintechnik in Erlangen und Eindhoven und Flugzeugbau in Toulouse und Hamburg“ angenommen.

Forschungsmodul „Wissensorientierte Governance“
Gegenstand dieses Moduls waren Institutionenbildungsprozesse über räumliche Grenzen und Milieudifferenzen hinweg, betrachtet aus einer alltagskulturellen, sozialräumlichen wie planerischen Forschungsperspektive heraus. In zwei Fallstudien wurden Interaktionsdynamiken sowie die Bildung von KnowledgeScapes und Wissenskulturen in Frankfurt (Oder) und Slubice bearbeitet, wie sie den gemeinsamen physischen, virtuellen und kulturellen Raum dieser „Twin-City“ für die Generierung und das Management von Wissen strukturieren. Der in diesem Modul entwickelte konzeptionelle Ansatz zur empirischen Untersuchung von Institutionenbildungsprozessen im Zusammenhang mit Wissen und Raum wurde unter Einbeziehung wissenssoziologischer und kommunikationstheoretischer Ansätze weiter ausgearbeitet. Ziel war es zum einen, die Dynamiken von Institutionenbildungsprozessen (Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen, Stillstände, Übergänge von informellen zu formellen Institutionen) empirisch besser fassbar zu machen. Zum anderen ging es darum, die Wirkung von Wissen bzw. unterschiedlichen Wissensformen in Kommunikationsprozessen insbesondere zwischen unterschiedlichen Wissenskulturen besser zu erklären. Thematisch wurde die Nutzung unterschiedlicher Wissensrepertoires einmal in Bezug auf die Stadtentwicklungsplanung, dann auf die Hochschulkooperation im polnisch-deutschen Grenzraum (Collegium Polonicum) untersucht. Während sich die Stadtpolitik- und Stadtplanungs-Milieus nur schwer den neuen Herausforderungen geöffnet haben und noch zögerlich gegenüber den Entwicklungschancen der ‚Grenzstadt’ operieren, ist die Europa-Universität Viadrina mit dem Collegium Polonicum ein Vorreiter grenzüberschreitender Entwicklung. In beiden Fällen lösen ein methodisch fundiertes Aufbrechen starrer Handlungsroutinen und die Initiierung gemeinsamer, auch durch Informalität getragener „Verhandlungsräume“ die weiterhin beobachtbaren gegenseitigen Blockaden und Stereotypisierungen am ehesten.
Ergebnisse aus den beiden Fallstudien über Interaktionsdynamiken und Wissenskulturen in der deutsch-polnischen „Twin-City“ Frankfurt (Oder)– Słubice haben sich in fünf Publikationen niedergeschlagen.

Forschungsmodul „Wissensbasierte Raumstrukturen“
Mit zwei Fallstudien wurden im transformativen Raum Berlin-Brandenburg ökonomische und Branding orientierte Dynamiken bei der Entwicklung von KnowledgeScapes untersucht. In der Fallstudie Berlin-Adlershof (Mikroebene) wurden relationale Raumbindungen von Schlüsselakteuren wissensbasierter Stadtentwicklungen untersucht. In den Befunden zeigte sich, dass Raumbindungsstrategien der Wissensakteure durch die Kombination unterschiedlicher Näheformen mit neuen Mischungen aus eher weicheren Milieustrukturen und stärker institutionalisierten Netzwerkstrukturen, also durch spezifische KnowledgeScapes gekennzeichnet sind. Dabei wurden unterschiedliche, akteursdifferenzierte Raumbindungstypen sichtbar. Diese reichen von „Standortbekennern“ mit einer starken persönlichen Standort- und/oder lokalen Milieubindung bis hin zu “Standortunabhängigen“, für die vor allem das spezifische Standortimage und/oder die Ko-Präsenz anderer Akteure von Bedeutung sind.

Die Fallstudie zu Branding-Prozessen in der Metropolregion Berlin-Brandenburg (Mesoebene) befasste sich mit der Frage, unter welchen kommunikativen Bedingungen sich ein metropolitanes Profil entwickelt lässt, das in seinen Markenkern den Standortfaktor Wissen integriert. Mit dem im IRS entwickelten räumlichen Public Branding-Ansatz konnte herausgearbeitet werden, dass raumbezogene Brands mit Konflikten und Übersetzungsproblemen zwischen divergierenden Wissenskulturen in Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Kultur verbunden sind, die bisher vernachlässigt und in ihrer Komplexität weit unterschätzt wurden. Zu den wichtigen Befunden in den Untersuchungsräumen dieses Moduls (Berlin-Adlershof und der Metropolraum Berlin-Brandenburg resp. die deutsche Hauptstadtregion) gehört, dass latente Konflikte ausgeblendet werden, die durch sich überlappende Leitbilder und Aushandlungsprozesse vorgezeichnet sind. In den untersuchten Akteursgruppen bzw. in den Wissensmilieus und Wissensnetzwerken im Umfeld von Standort- und Raumentwicklungen konnten die raumpolitisch intendierten, integrierenden Ansprüche an eine gemeinsame Länder übergreifende Positionierung im System der europäischen Metropolregionen nicht belegt werden. Dieser Befund wurde u.a. in dem Gemeinschaftsaufsatz „Ich mache jetzt hier einen Wachstumskern – Raumbindungsstrategien, Wissensmilieus und räumliche Profilbildungen in Berlin-Brandenburg“ (ebenfalls in der genannten disP Special Issue publiziert) ausführlich diskutiert.

Publikationen (Auswahl)

FICHTER-WOLF, Heidi (2008): Hochschulkooperationen in Grenzräumen. Lernfeld für die Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Wissensraums. In: disP 173, 2008, Heft 2, S. 34-46

JÄHNKE, Petra (2007); MAHNKEN, Gerhard: Wissen als Faktor der Leitbildgenerierung in der Metropolregion Berlin-Brandenburg - Strategien, Optionen, Konflikte. In: Raumforschung und Raumordnung, 65. Jg., 2007, Heft 6, S. 589-601

JÄHNKE, Petra (2006): Raumbindungen wissensbasierter unternehmensbezogener Dienstleister in Metropolregionen – Untersuchungen am Beispiel von Berlin und München. Dissertation. Verteidigt an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät II der Humboldt-Universität zu Berlin am 13.2. 2007. Berlin

KNORR-SIEDOW, Thomas et al. (2006): Regenerating large housing estates in Europe: A guide to better practice

MAHNKEN, Gerhard (2008): Der diskrete Charme der Provinz. Wissen, Public Branding und Kulturwirtschaftspolitik im "peripheren" Raum. In: Boellert, Arvid; Thunecke, Inka (Hrsg.): Kultur und Wirtschaft. Eine lukrative Verbindung. Bd. 48, Mössingen-Talheim, Seite 103-113

MATTHIESEN, Ulf; MAHNKEN, Gerhard (2009) (Hrsg.): Das Wissen der Städte. Neue stadtregionale Entwicklungsdynamiken im Kontext von Wissen, Milieus und Governance. Wiesbaden

MATTHIESEN, Ulf (2007): Wissensmilieus und KnoweldgeScapes. In: Schützeichel, Rainer (Hg.): Handbuch Wissenssoziologie und Wissensforschung. Konstanz, Seite 679-693

MATTHIESEN, Ulf (2007): Wissensformen und Raumstrukturen. In: Schützeichel, Rainer (Hg.): Handbuch Wissenssoziologie und Wissensforschung. Konstanz, Seite 648-661

MATTHIESEN, Ulf (2007: Wissensmilieus in heterogenen stadtregionalen Räumen Ostdeutschlands - zwischen Innovationsressourcen und kulturellen Abschottungen. In: Koch, Gertraud; Warneken, Bernd Jürgen (Hrsg.): Region - Kultur - Innovation. Wege in die Wissensgesellschaft. Wiesbaden, Seite 83-122

MATTHIESEN, Ulf (2006): Raum und Wissen. Wissensmilieus und KnowledgeScapes als Inkubatoren für zukunftsfähige stadtregionale Entwicklungsdynamiken? In: Tänzler, Dirk; Knoblauch, Hubert; Soeffner, Hans-Georg (Hrsg.): Zur Kritik der Wissensgesellschaft. Konstanz, Seite 155-188

The Planning Review. disP 178. Special Issue zur Koevolution von Raum, Wissen und Milieu. 3/2009

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