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Druckversion von www.irs-net.de/publikationen/veroeffentlichungen/quartalskarte/quartalskarte109.php (Datum: 08.09.2010 04:08:26)

Deutschland in der Krise – Räumliche Muster der Wissensökonomie

Aktuelles aus der Leitprojekt-Forschung des IRS

In den letzten Jahren wurde vielfach die Bedeutung der Wissensökonomie als Motor der regionalen und nationalen wirtschaftlichen Entwicklung herausgestellt. Angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Krise, die sich auf weite Bereiche der Wissensökonomie auswirken wird, stellt sich aus raumwissenschaftlicher Perspektive die Aufgabe einer räumlich differenzierten Analyse. Im Rahmen der Grundlagenforschung der Forschungsabteilung 1 „Regionalisierung und Wirtschaftsräume" wurde eine Clusteranalyse zur Typisierung der deutschen Landkreise und kreisfreien Städte durchgeführt, welche die Wissensökonomie hinsichtlich ihrer regionalen Ausprägungen und Entwicklungsdynamiken vor Beginn dieser Krise untersuchte.

Die Diskussionen zur aktuellen wirtschaftlichen Krise betrachten häufig entweder sehr pauschal die allgemeine deutsche bzw. weltwirtschaftliche Entwicklung oder aber das Schicksal einzelner Firmen. Unberücksichtigt bleibt bei einer solchen Fokussierung, dass die Regionen Deutschlands aufgrund der räumlich variierenden Wirtschaftsstrukturen und -entwicklungen vermutlich nicht in gleicher Weise und in gleichem Ausmaß von den Auswirkungen dieser Krise betroffen sein werden. Die auf der Basis der durchgeführten Clusteranalyse vorgenommene Typisierung von Regionen bietet eine Grundlage für weitergehende Analysen zu den regionalen Auswirkungen der aktuellen Krise.

Die Definition der Wissensökonomie wurde - in Abgrenzung zur klassischen Industrie und den traditionellen Dienstleistungsbranchen - funktional determiniert formuliert. Sie umfasst jene Wirtschaftsbereiche, die durch eine hervorgehobene Bedeutung von Wissen und Informationen geprägt sind. Ihre Operationalisierung erfolgte entlang der Wirtschaftszweigsystematik WZ 2003.Innerhalb der Wissensökonomie unterscheiden wir vier Wirtschaftsbereiche: Hochtechnologieindustrie, transaktionsorientierte Dienstleister, transformationsorientierte Dienstleister sowie die Informations- und Medienindustrie (vgl. dazu das IRS-Working Paper zu Städtesystemen und das IRS-Working Paper zur Abgrenzung und Operationalisierung der Wissensökonomie in Deutschland). In der aktuellen Krise ist mit den Finanzdienstleistern unmittelbar eine wissensökonomische Wirtschaftsbranche betroffen, welche generell als innovativ und zukunftsweisend gilt.

Für die räumliche Typisierung wurden Indikatoren zur Beschreibung der regionalen Relevanz wissensökonomischer Beschäftigung und deren funktionaler Spezialisierungen in Form branchenbasierter Beschäftigung sowie Indikatoren zur regionalen Beschäftigung in wissensintensiven Berufsgruppen herangezogen. Die Entwicklungsdynamik der Wissensökonomie  konnte durch den Vergleich der entsprechenden Daten für 1998 und 2006 abgebildet werden. Wesentlich für die Interpretation der Typisierung ist, dass die Einschätzung der Relevanz und Entwicklung der Wissensökonomie jeweils auf relativen Größen basiert und nicht die absoluten Beschäftigungszahlen und deren Entwicklung darstellt. Im Ergebnis der generierten wirtschaftsräumlichen Typisierung zeichnet sich ein stark differenziertes Muster wissensökonomisch getragener Tätigkeiten, funktionaler Spezialisierungen und Entwicklungen ab.

Wissensökonomische Spezialisierung in Deutschland

 

Die durch die Clusteranalyse hergeleiteten sieben Typen können drei übergeordneten Gruppen zugeordnet werden. Ausschlaggebend für die Zuordnung zu diesen Gruppen war die jeweilige regionalwirtschaftliche Bedeutung der Wissensökonomie. Ergänzend dazu beschreiben die Typen die dominierenden Spezialisierungstendenzen für einzelne funktionale Teilbereiche. Die Benennung der Typen bzw. übergeordneten Gruppen beschreibt entsprechend deren prinzipielle Charakteristika:

1.  „Regionen mit ausgeprägter Wissensökonomie":

Die zu dieser Gruppe gehörenden Städte und Landkreise zeichnen sich durch eine im deutschlandweiten Vergleich überdurchschnittliche Teilhabe am wirtschaftsstrukturellen Wandel zur Wissensökonomie aus. Den drei dieser Gruppe zuordenbaren Typen ist weiterhin gemein, dass sie zwischen 1998 und 2006 in der Summe tendenziell eine Zunahme der relativen Bedeutung wissensökonomischer Beschäftigung erfahren haben.

Zum ersten Typ dieser Gruppe „Wachsende Regionen mit einer Spezialisierung auf transaktionsorientierte Dienstleister und Medienindustrie" gehören einige Landeshauptstädte, aber auch Umlandbereiche großer Agglomerationen sowie große Stadtregionen wie z.B. Frankfurt/Main einschließlich des Hoch- und des Main-Taunus-Kreises. Dieser Typ lässt sich vor allem durch Spezialisierungen auf transaktionsorientierte Dienstleistungen und Tätigkeiten der Informations- und Medienindustrie charakterisieren. Ergänzend dazu ist die Beschäftigung wissensintensiver Berufe vergleichsweise hoch. Die Regionen des zweiten Typs dieser Gruppe können als „Stabile Regionen mit einer Spezialisierung auf den Hochtechnologiebereich" bezeichnet werden. Hierzu gehören beispielsweise Wolfsburg und eine Reihe südwestdeutscher Regionen. Sie weisen - wie der Typenname nahe legt - eine auffällig überdurchschnittliche Beschäftigung in den der Hochtechnologie zugehörigen Wirtschaftsbereichen auf. Schließlich bilden die Metropolregionen Berlin, Hamburg und München einen eigenen Typ. Sie nehmen eine Ausnahmeposition ein, da sie schon allein aufgrund ihrer Größe, aber auch vielfältigerer Spezialisierungen schwer mit anderen Regionen vergleichbar sind.

2. „Regionen mit durchschnittlich ausgeprägter Wissensökonomie" :

Dies sind Regionen, die sich weder durch eine deutlich ausgeprägte noch unterdurchschnittliche Wissensökonomie auszeichnen. Innerhalb der wissensökonomischen Beschäftigung zeichnet sich tendenziell eine Spezialisierung auf transformationsorientierte Dienstleistungen ab.

Zu dieser Gruppe gehören die „Wachsenden Regionen, getragen durch transformationsorientierte Dienstleister". Als Beispiele seien hier die Landkreise Gifhorn, Landshut, Recklinghausen und die Stadt Greifswald genannt. Dieser Typ grenzt sich durch die tendenzielle Richtung der Entwicklung der wissensökonomischen Beschäftigung von dem zweiten Typ dieser Gruppe „Regionen mit leicht rückläufiger Entwicklung" ab. Zu letzterem gehören z.B. die Städte Essen, Chemnitz und der Landkreis Göttingen. In diesen Regionen hat die relative Bedeutung der transformationsorientierten Dienstleister tendenziell abgenommen.

3. „Regionen mit geringer Bedeutung der Wissensökonomie":

In dieser Gruppe sind zwei Typen von Regionen zusammengefasst, in denen die wissensökonomische Beschäftigung deutlich unter dem deutschen Durchschnitt liegt. Daher lassen sich für die Regionen dieser Gruppe keine deutlichen funktionalen Spezialisierungen identifizieren. Nichtsdestotrotz bestehen zwischen den beiden Typen Unterschiede hinsichtlich der Entwicklung wissensökonomischer Beschäftigung.

Die „Regionen im Wandel basierend auf dem Hochtechnologiebereich", wie z.B. die Landkreise Teltow-Fläming oder Sigmaringen, hatten im betrachteten Zeitraum insgesamt eine deutliche relative Zunahme wissensökonomischer Beschäftigung. Dieser Bedeutungszuwachs ist überwiegend auf die Beschäftigungsentwicklung in der Hochtechnologieindustrie zurückzuführen. Der zweite Typ dieser Gruppe wird schließlich durch „Regionen ohne Dynamik", wie etwa dem Landkreis Wittenberg, aber auch kreisfreien Städten wie Gotha oder Neubrandenburg, konstituiert. Diese partizipieren bisher kaum am wirtschaftlichen Strukturwandel hin zu wissensökonomischen Beschäftigungen. Darüber hinaus ist die Wirtschaft vieler dieser Regionen sogar durch eine leicht abnehmende Bedeutung der Wissensökonomie gekennzeichnet.

Aufbauend auf der wirtschaftsräumlichen Differenzierung von Regionen nach wissensökonomischen Tätigkeitsfeldern und Intensitäten lassen sich eine Reihe von Fragen hinsichtlich der Bewältigung der aktuellen Wirtschaftskrise ableiten:

  • Medienberichten zufolge reagieren derzeit vor allem die global vernetzten Finanzdienstleister sowie die exportorientierten Industrien und deren nachgelagerte Zulieferer mit Kurzarbeit bzw. Stellenabbau. Werden deshalb jene Regionen, die von derartig international agierenden Unternehmen geprägt sind, unter besonders starken Beschäftigungsrückgängen zu leiden haben?
  • Wird es innerhalb der durch die Hochtechnologieindustrie geprägten Regionen signifikante Unterschiede der Entwicklung geben, die durch den jeweiligen regionalen Branchenmix oder auch technologische Unterschiede (z.B. Hoch- versus Spitzentechnologie) erklärt werden können? Gehen eventuell manche dieser Regionen sogar gestärkt aus der Krise hervor?
  • Können Regionen mit einer weit gefächerten wissensökonomischen Spezialisierung die Krise signifikant besser überwinden als Regionen mit einseitigen wissensökonomischen Spezialisierungen? Inwieweit wirkt sich die Erfahrung des Strukturwandels zur Wissensökonomie für die entsprechenden Regionen vergleichsweise positiv aus?
  • Wird der erwartete Abbau wissensökonomischer Beschäftigtenzahlen in den Regionen mit insgesamt niedriger Bedeutung der Wissensökonomie gleichermaßen sichtbar sein oder sind diese Regionen vergleichsweise stabil?

Erst Analysen zur Beschäftigtenentwicklung im Verlauf der Krise werden ex-post ermöglichen, die tatsächlichen Wirkungszusammenhänge eines derartigen asymmetrischen Schocks von Teilen der Wissensökonomie nachzuvollziehen und zu verstehen.

Kontakt:
Manuela Wolke, wolkem@irs-net.de
Dr. Sabine Zillmer, zillmers@irs-net.de

 

 

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