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Quartalskarte 01/2009

 

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Druckversion von www.irs-net.de/publikationen/veroeffentlichungen/quartalskarte/quartalskarte209.php (Datum: 30.07.2010 18:37:40)

Regionen der Wissensökonomie – Spezialisierung & Diversität

Aktuelles aus der Leitprojekt-Forschung des IRS

Am Ende des Kommentars zur Quartalskarte 01/2009 „Deutschland in der Krise – Räumliche Muster der Wissensökonomie“ wurde unter anderem die Frage aufgeworfen, inwieweit eine vergleichsweise vielfältige / divers aufgestellte  Wissensökonomie als stabilisierendes Element im Kontext der gegenwärtigen Wirtschaftskrise beurteilt werden kann. Dies aufgreifend widmet sich dieser Beitrag der Diversität, d.h. der Vielfältigkeit  regionaler wissensökonomischer Spezialisierungen und den sich daraus ergebenden wissensökonomischen Beschäftigungsstrukturen. Entsprechend der vom IRS hergeleiteten vier Funktionsbereiche wird die Wissensökonomie in Hochtechnologieindustrie, transaktionsorientierte Dienstleister, transformationsorientierte Dienstleister sowie die Informations- und Medienindustrie gegliedert (vgl. dazu das IRS-Working Paper zu Städtesystemen).

Zur Erfassung und Beurteilung regionaler Spezialisierungen bzgl. der vier funktionalen Funktionsbereiche der Wissensökonomie wurden die sekundärstatistischen Daten der SV-Beschäftigten des Jahres 2006 auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städten ausgewertet. Die Zuordnung erfolgte entlang der Wirtschaftsgruppen der WZ2003 (IRS-Working Paper zur Abgrenzung und Operationalisierung der Wissensökonomie). Die darauf basierenden  Standortquotienten (je vier pro Region) dokumentieren den Grad der Spezialisierung der betrachteten Region im Vergleich zur gesamtdeutschen wissensökonomischen Wirtschaftsstruktur. Von einer räumlichen Spezialisierung bzgl. des  betrachteten Wirtschaftsbereiches kann dann gesprochen werden, wenn der regionale Wert (Standortquotient) deutlich über dem Durchschnitt, also über dem Wert 1 liegt – der entsprechende Grenzwert wurde hier bei 1,2 gesetzt. Ein Standortquotient mit einem Wert im Bereich von 0,8 bis 1,2 (also im Bereich +/- 0,2 um den Standardwert 1) belegt, dass die betrachtete Region bzgl. des untersuchten wissensökonomischen Funktionsbereichs im Vergleich zum deutschen Durchschnitt keine Spezialisierung aufweist. Standortquotienten mit einem Wert unter 0,8 weisen hingegen auf eine im deutschen Vergleich unterdurchschnittliche Ausprägung des jeweiligen wissensökonomischen Funktionsbereiches hin. Die für die vier Funktionsbereiche jeweils separat durchgeführte vergleichende Betrachtung ermöglicht die Identifizierung regionaler wissensökonomischer Spezialisierungen in Teilbereichen, selbst wenn die Gesamtheit der wissensökonomischen Beschäftigung (also ohne funktionale Differenzierung) in dem jeweiligen Landkreis bzw. der kreisfreien Stadt nicht über dem deutschen Durchschnitt liegt.

Die Diversität / Vielfältigkeit der regionalen wissensökonomischen Spezialisierung wird hier über die ungewichtete Summe der einzelnen funktionalen Spezialisierungen abgebildet. Damit bezieht sich das hier verwendete Maß der Diversität  ausschließlich auf die Spezialisierungen. Die maximale Spezialisierungsdiversität wird erreicht, wenn die Standortquotienten aller vier Funktionsbereiche größer als der gesetzte Grenzwert von 1,2 sind. Je weniger wissensökonomische Spezialisierungen in der betrachteten Region beobachtet werden können, desto einseitiger / monostrukturierter ist die dortige Wissensökonomie.

Diversität der Spezialisierung in wissensökonomischen Funktionsbereichen

 

Auf dieser Grundlage wurden die räumlich unterschiedlichen Ausprägungen der funktionalen wissensökonomischen Spezialisierung gruppiert:

Regionen mit einer vielfältigen wissensökonomischen Spezialisierung

Hierzu zählen Regionen die sich durch eine Spezialisierung in allen vier bzw. drei wissensökonomischen Funktionsbereichen auszeichnen, wobei die maximale Spezialisierungsdiversität eher die Ausnahme ist. Überdurchschnittliche Standortquotienten in allen vier wissensökonomischen Funktionsbereichen werden nur in den Städten Darmstadt und Stuttgart sowie im Landkreis Münchenerreicht. Eine so ausgeprägte Diversität der Spezialisierung bewirkt, dass im gesamtdeutschen Vergleich in diesen Regionen auch insgesamt überdurchschnittlich viele Arbeitskräfte in der Wissensökonomie beschäftigt sind.
Aber auch Regionen mit überdurchschnittlichen Standortquotienten in drei der vier Funktionsbereiche können bzgl. ihrer wissensökonomischen Spezialisierung als stark diversifiziert angesehen werden. Dabei sind die großen Stadtregionen wie Berlin, Dortmund, Frankfurt/Main und München zumeist auf die dienstleistungsorientierten wissensökonomischen Funktionsbereiche (transaktionsorientierte Dienstleistungen, transformationsorientierte Dienstleistungen, Informations- und Medienindustrie) spezialisiert. In wenigen anderen Städten wie Braunschweig und Leverkusen ergibt sich die funktionale Diversität durch die Spezialisierung auf den Hochtechnologiebereich und die Transformationsdienstleistungen in Kombination mit einem der beiden anderen wissensökonomischen Dienstleistungsbereiche. Insgesamt weisen alle Regionen, die zu dieser Gruppe gehören eine durchschnittliche bis überdurchschnittliche wissensökonomische Beschäftigungsquote im deutschen Vergleich auf.

Regionen mit einer weniger vielfältigen wissensökonomischen Spezialisierung

Für die Regionen mit zwei funktionalen Spezialisierungen lassen sich vor allem zwei Diversifizierungsmuster identifizieren. Zum einen gibt es einige Regionen in denen die Spezialisierung auf Transaktionsdienstleistungen mit einer Spezialisierung auf die Informations- und Medienindustrie einhergeht. Hierzu gehören große westdeutsche Stadtregionen wie Bonn, Düsseldorf, Köln, Kiel und die Region Hannover. Das zweite dominierende Diversifizierungsmuster besteht aus einer Spezialisierungskombination von Hochtechnologieindustrie und Transformationsdienstleistungen. Dieses lässt sich vor allem in süddeutschen Stadtregionen beobachten. Beispiele dafür sind Fürth, Heilbronn, Karlsruhe und Landshut. 

Die letzte Gruppe von Regionen mit einer wissensökonomischen Spezialisierung weist diese in nur einem der vier Funktionsbereiche auf. In der großen Mehrzahl ist dies die Hochtechnologieindustrie. Dazu gehören sowohl die weithin bekannten Hochtechnologieregionen Baden-Württembergs, aber auch einzelne von der Industrie geprägte Regionen in anderen Teilen Deutschlands wie z.B. Emden, Kassel, der Wartburgkreis und Wolfsburg. Darüber hinaus ist die Wissensökonomie für eine Reihe von Regionen auf den Bereich der Transformationsdienstleistungen spezialisiert. Sie finden sich in der ganzen Bundesrepublik verteilt, sind jedoch schwerpunktmäßig in Hochschulstandorten wie Göttingen, Jena und Kaiserslautern zu finden. Da der öffentlich finanzierte Bildungsbereich nicht in den Analysen berücksichtigt wurde, weist dieses Ergebnis auf die Bedeutung privater Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen an diesen Standorten hin. Nur sehr wenige Regionen weisen eine ausschließliche überdurchschnittliche Spezialisierung auf einen den beiden verbleibenden Funktionsbereiche (Transaktionsdienstleister oder Informations- und Medienindustrie) auf.

Regionen ohne wissensökonomische Spezialisierung

Über die Hälfte aller deutschen Landkreise und kreisfreien Städte sind in keinem der vier wissensökonomischen Funktionstypen spezialisiert. Viele dieser Regionen weisen jedoch zumindest für einen oder zwei Funktionsbereiche durchschnittliche Standortquotienten  (zwischen 0,8 und 1,2) auf, wobei  die Hochtechnologieindustrie in der Mehrzahl der Regionen dominiert.
Nichtsdestotrotz verbleiben etwa 100 Landkreise und kreisfreie Städte, die weder eine Spezialisierung noch eine überhaupt für Deutschland durchschnittliche Ausprägung in einem der wissensökonomischen Funktionsbereiche aufweisen. Dies drückt sich dadurch aus, dass die Standortquotienten aller vier Funktionsbereiche kleiner 0,8 sind. Diese Regionen liegen schwerpunktmäßig in Nord- und Ostdeutschland. Aber auch in Rheinland-Pfalz und Bayern weisen einige Regionen eine derartig geringe wissensökonomische Beschäftigung ohne erkennbare Spezialisierungsmuster auf.

Resümierend kann festgestellt werden, dass von den 439 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten im Jahr 2006 nur 18 Regionen wissensökonomische Wirtschaftsstrukturen aufweisen, die durch eine hohe Spezialisierungsdiversität gekennzeichnet sind. Diese auf den ersten Blick geringe Anzahl geht jedoch mit einem hohen Bevölkerungs- und insbesondere Arbeitsplatzanteil bezogen auf Deutschland insgesamt einher. Zusammen genommen sind hier knapp ein Viertel aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze der deutschen Wissensökonomie bei einem Einwohneranteil von 14% an der Bevölkerung Deutschlands angesiedelt. Dem gegenüber vereint die deutlich größere Anzahl von etwa 100 Regionen mit unterdurchschnittlich ausgeprägten wissensökonomischen Wirtschaftsstrukturen (alle vier Standortquotienten < 0,8) bei einem vergleichbaren Bevölkerungsanteil von 15% lediglich knapp 7% aller Arbeitsplätze der Wissensökonomie auf sich. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass die Vergleiche der Spezialisierungsdiversitäten allein noch keine hinreichenden Aussagen über die Bedeutung der Wissensökonomie für die jeweilige regionale Wirtschaftsstruktur liefern, da z.B. der Hochtechnologiebereich aufgrund seiner Beschäftigungsstrukturen – absolut gesehen – wesentlich größere Beschäftigtenzahlen auf sich vereint als die anderen wissensökonomischen Funktionsbereiche. Nicht zuletzt deshalb implizieren die beobachteten wissensökonomischen Spezialisierungs- und Diversifizierungsmuster eine Reihe von weiterführenden Fragen:

  • Können die Regionen mit zwei funktionalen Spezialisierungen durch eine Ausweitung ihrer wissensökonomischen Tätigkeiten zu den stärker diversifizierten Regionen aufschließen und wenn ja in welchen Funktionsbereichen?
  • Tendieren Regionen mit einer hohen wissensökonomischen Diversität ihrer Spezialisierung auch zu einer hohen gesamtwirtschaftlichen Diversität?
  • Sind die Regionen mit hoher wissensökonomischer Spezialisierungsdiversität ökonomisch dynamischer als andere Regionen?
  • Welche anderen Funktionen nehmen Regionen die keine wissensökonomische Spezialisierung aufweisen wahr?

Diese Fragen lassen sich nur mit Hilfe weitergehender Analysen beantworten, welche sowohl den zeitlichen Verlauf als auch weitere Wirtschaftsbereiche berücksichtigen müssten. Daher soll dieses Thema in einer der folgenden Quartalskarten wieder aufgegriffen werden.

Kontakt:
Manuela Wolke, wolkem@irs-net.de
Dr. Sabine Zillmer, zillmers@irs-net.de

 

 

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